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Schnitt, der stolzen Charakter» eigen ist, zeugten von Gedankenfülle und Kraft, aber dem Ganzen fehlte die Harmonie; Nase und Mund -waren stark und schlaff und widerlich wurde Aurel von der Wahrnehmung berührt, daß riese Dame, die Göttin des unersättlichen Richard, Cigarren rauchte und in einen Nymbus von Dampf sich einhüllte. — Es fiel ihm bei diesem Anblicke die ganze -Reibe emancipirter Damen ein, welche ihre Frei- gebung aus dem Männerjoche und ihre Ebenbürtigkeit mit ven Herren der Schöpfung dadurch beweisen wollen daß sie ihre zartere weibliche Natur abstreifen und mit Rauchen, Trinken unv leidenschaftlichem Zerbrechen aller Frauensitte sich zum Zerrbilve des Mannes machen. Diese da schien ihm um kein Haar besser zu sein. Ein rascher Gang seiner Gedanken rollte ihm ihr ganzes Leben auf unv während Richard ihn zum Sopha der freien Frau führte, begriff er vollkommen das Treiben, weiches sie umgab und wie es kam, daß der wilde schrankenlose Richard in ihr sein Ideal gefunden hatte.
„Hier Sara," rief Herr von Corbin, „hier bringe ich Dir die Sehnsucht Deiner Wünsche. Nimm ihn von meiner Hand, rein und unschuldig wie er ist, tugendhaft gleich einem Karthäuser, fleckenlos wie ein Prinz, charakterstark wie ein Philosoph und hartnäckig im Glauben wie ein Naiurkind. — Nimm ihn hin, Priesterin der Aufklärung uut> weihe ihn ein in Deine Eleusinischen Geheimnisse, auf daß die Schuppen von seinen Augen fallen und er erkenne, was daS Leben Wahres und Würdiges enthält."
Die Dame reichte, dem Neophiten die Hand und erwiederte lächelnd: „Setzen Sie sich zu mir, Aurel, ich kenne Sie längst und, wie ich glaube, besser als Richard, obwohl ich Sie jetzt zum ersteti Male sehe. Gebt ihm ein. Glas," fuhr sie fort, „nehmen Sie eine Cigarre, wenn es Ihnen gefällt und nun fahrt fort zu thun, was Euch beliebt, macht Musik, sprecht etwas Gescheidtes, wenn Ihr könnt oder hört zu wie wir den Faden abwickeln."
Ohne sich weiter au die Antworten ihrer Gäste zu kehren, begann sie mit Aurel ein Gespräch, das vornehmlich ihn selbst zum Gegenstände hatte und nach wenigen Minuten wußte sie durch ihre Art der Unterhaltung seine Theilnahme lebendig zu machen. Ihre Worte waren einfach unv natürlich und drückten das, was sie empfand, mit solcher Klarheit, aber auch mit solcher Offenheit aus, daß Aurel auf wunderbare Weise davon ergriffen und fortgerissen wurde. Er konnte nicht einen Augenblick daran zweifeln, daß sie alles sagte, was sie dachte, daß nicht die leiseste Verstellung oder ein gemachtes angekünsteltes Wesen ihr Benehmen leitete und er war nach einer Viertelstunde überzeugt, daß er noch nie ein Weib kennen gelernt hatte, die so kühne, seltsame und anregende Gedanken auszusprechen wagte; ja er gestand sich zuletzt, daß diese Frau jedenfalls viel Geist besitze, mehr wie irgend eine, mit der
er jemals geredet und daß sie einen Zauber der Unterhaltung ausübe, der hinreißend und betäubend sei. — Was er von ihr hörte entsetzte ihn zuweilen, denn es lief gegen die Moral an, welche er bisher für allein wahr gehalten und in deren Lehren er auferzogen war. Er vernahm aus ihrem Munde die Grundsätze, welche Richard einst aufstellte, aber sie that es noch viel schärfer und, wie Aurel sich sagte, gotteslästerlicher und ver- ruchter. — Sie faßte seine Einwürfe dagegen nicht wie Richard mit Spott, sondern mit stolzer Ueberlc- genheit auf und bewies ihm Vie Wahrheit vurch eine Kette kalter Verstandesgründe. Dennoch aber blitzte ihr großes Auge feurig dabei und wenn ste ihn heiß und lange anblickte, kam es dem armen Aurel vor, als verwirrten sich seine Gedanken und es ging ihm beinahe wie dem Kolibri unter dem Drucke der Schlangenaugen: er stotterte Antworten, die keine waren und gab sich gefangen. — Sara erzählte ihm, wie Richard alles, was er selbst von Aurel wußte, ihr nach und nach mitgetheilt hatte und wie sie sich daraus ein Bild von ihm zusammensetzte, das auf ein Haar sich richtig erwies. — „(®>ie waren unter den Dreien der beste," sagte sie lachend, „und darum der Unglücklichste. Sie liebten diese Johanna mit aller Zärtlichkeit einer schülerhaften Jugendliebe und sahen sich verschmäht um diesen Dornbusch Richard, der die Rache für Sie übernahm."
(For tsctzung folgt.)
Schweinezucht und S ch w e i n e h a n d e l in Cincinnati.
(Schluß.)
In deu in und vor Cincinnati gelegenen, sehr zweckmäßig eingerichteten ungeheuren Schlachthäusern werden von der Mitte November an und etwa vier Monate lang Tausende von Schweinen täglich geschlachtet ; das Fleisch und der Speck von mehr als */, der Gesammlheit dieser Thiere wird eingesalzen, in große Tonnen gepackt, und Nach den Hafenstädten Nordamerikas, vorzugsweise zur Verproviantirung von Schiffen, so wie in das Innere, aber auch in großen Quantitäten nach Westindien und Südamerika und, wenngleich nicht in bedeutender Menge, nach Deutschland ausgeführt. In Bremer Zeitungen liest man nicht ganz selten, daß eingesalzenes amerikanisches Schweinefleisch zum Verkauf angezeigt wird. Die geräucherten Schinken der Schweine werden ebenfalls in das Innere und nach Westindien und Südamerika in großer Menge versandt.
Ein sehr wichtiges Product der geschlachteten Schweine, sowohl , zur Ausfuhr als zur einheimischen Industrie, ist das daraus gewonnene Schmalz. In Kisten von Holz oder Blech gepackt, gehen sehr beträchtliche Quantitäten Schmalz jährlich von Cincinnati


