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(Eingesendet.)
Rede für eine Volksversammlung in Gießen.
Verehrte Mitbürger!
Wir haben uns lange nicht auf dem Brande, im Busch'schen Tanzfaale, im Prinzen Carl u. s. w. zu- jammen;.efunten; es scheint die Lust an Volksversammlungen sey erloschen; so laßt uns wenigstens die heutige benutzen, um bei einem wichtigen Abschnitte un- sers politischen Lebens aus unsere Vergangenheit des letzten Jahres zurückblicken und daraus eine Nutzanwendung für die Zukunft zu gewinnen. Erlaubt mir aber, daß ich in aller Ruhe zu Euch rede und nicht, wie meine Vorgänger, mit rasenden Worten gleich einer Rakete auffahre und dennoch — Nichts sage, nehmt mir nicht übel, wenn ich gaüz offen zu Euch rede, sollte auch die Wahrheit Euch unangenehm berühren.
Welche llnzahl tidn Volksversammlungen ist gehalten worden! Die Herrn und Damen vom März-, Vaterlands-, demokratischen und Bürger-Verein, sie alle haben geschworen, „mit Gut und Blut" diese oder jene Reichsverfassung turchzusetzen. Da wurden uns Glaubensbekenntnisse in Masse gedruckt zugestellt, wir haben uns abgemüht und Reisen gemacht, um die Leute für unsere Ansichten zu gewinnen, wir haben operirt und agitirt, uns geärgert, die Zeit versäumt, und viel zu lange in le» Wirihshäusern zugebracht, um Etwas zu hören, oder zum Besten zu geben, es war Alles umsonst. die Staaten bestehen noch, Gerechtigkeit und Ordnung befestigen sich, und mit ihnen werden Verkehr und Vertrauen zurückkehren.
Wir haben für Herrn Vogt geschwärmt, er war gewissermaßen unser politischer Wegweiser, jedes seiner Worte wog centnerschwer, alles andere war „reattio- när", .wir hörten nicht die Mahnungen ruhig Prüfender, sondern verließen uns auf die Versicherungen junger, erhitzter, theoretischer Köpfe ohne alle Erfahrung. Es waren Wenige unter uns, welche den leeren Inhalt der schönsten Reden, die uns vorgesetzt wurden, würdigen konnten. Wie Viele hätten sich vor einem gediegenen Publikum blamirt, und dennoch ernteten sie rauschenden Beifall. Woher kommt das?
Liebe Mitbürger! Wie Viele sind unter uns hier, welche Studien gemacht haben über die Ausgaben des Staats, über die Mittel, die Staatszwecke zu erreichen, über den Organismus des Staats? Wer von uns hat ernstlich Geschichte getrieben? Wer von uns jemals in eine sogenannte Nationalökonomie geschaut? Wer hat über die mancherlei Systeme der Beförderung der Arbeit, der Industrie u. s. w. vielfach nachgedacht? Da ist fast Alles öde und leer! Und dennoch sind dieß die nothwendigsten Hülfsmittel, um nur irgend ein gesundes Urtheil über unsere politischen Umstände zu fällen.
Also die Hand auf’8 Herz und laßt uns aufrichtig gestehen, daß wir durch Schaden klüger geworden
Druck und Verlag der G. D. Br
sind! Wie Viele haben sich lächerlich gemacht durch die Hitze ihres Treibens! Wie Vielen wurde der Kops verrückt! Wie viel gäbe Mancher darum, wenn er diese oder jene Uebereilung, wozu ihn die Eigenliebe und die Sucht, sich hervorzuthun, antrieb, unterlassen hätte! Die Zerrissenheit war groß, keiner traute dem Andern mehr, selbst Brüder entzweiten sich über politische Meinungen. Eigenthum, Sitte uud Ordnung waren überall gefährdet; selbst Buben und Weiber schrieen: es muß anders werden!
Unser Vogt saß auf der Linken im Parlamente und ward Reichsregent. Er ging und sagte uns nickt einmal: Adieu.
Baden betrachteten wir stets als unseren Musterstaat. Dort trieben die angeblichen Freiheitskämpfer schon lange das Staaissihiff; wir lasen ihre Reden, sie wurden politstche Märtyrer. Und siehe da, als die Revolution im März 1848 losbrach, saßen sie auf den Regierungsbänken, ließen sich dreifache Gehalte auszahlen als Vvlksredner, Regierungsbevvllmächtigte und Parlamentsreisende, und machten uns irre an der Aufrichtigkeit ihrer Absichten. Also vertrauten wir Andern, welche die Reinheit ihres demokratischen Strebens prießen. Unsere Kinder dressirten wir in Liedern, Hecker und Struve zu besingen. Auch Struve kam an's Regiment; aber welches Regiment wollte er einführen? Wir kennen ihn nun. Der Präsident Brentano erläßt dort eine Denkschrift, worin er die republikanischen Helden als Schufte, Diebe, Gewaltsund Schreckensmänner, neben welchen jeder Keim von Freiheit verderbt, mit den Farben der Wahrheit schildert; er greift denjenigen (Struve) am meisten an, welchen er eben erst vor den Assisen als den redlichsten , uneigennützigsten Kämpfer der Freiheit geschildert hatte. Ist aber Brentano selber rein? Wird er nicht von denen, welche er so treffend schilderte, ebenfalls als ein eigennütziger Verräther dargestellt werden? Haben vielleicht am Ende beide streitende Theile Recht? Welche Tollheiten, welcher Wust von Widersprüchen! Leben wir denn in Abdera? Ist der Staat ein großes Narrenhaus?
Und nun, Mitbürger! seht Euch einmal in Eurem Hause ein wenig um! Hat Euch all dieß Treiben Etwas geholfen? Ist Euer Geschäft besser in Schwung gekommen? Ist Euer Wohlstand dadurch gehoben? Sinv Eure Einnahmen vermehrt? Beantwortet Euch selbst diese Fragen, es ist mir schmerzlich, Euch daran zu erinnern. Aber wer die Heilung will, muß vor Allem den Sitz des Uebels kennen.
Ja wahrlich, wir waren stark berauscht, die Hitze setzte uns arg zu, es schwindelte uns und wir sahen die Wahrheit nicht mehr; wir hielten Irrwische für leuchtende Sonnen, und darum ist unser Verdruß nun groß.
Wie konnte es da besser werden?!
hl'scheu Buch- mit) Steindruckerei.


