Ausgabe 
9.6.1849
 
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Ein Anderer würde die Drohbriefe haben druken lassen, ich habe sie verfidibnft und da selbst gaben sie noch einen üblen Geruch von sich. Und warum wollen Sie mich denn so schauderhaft ums Leben bringen? welchen Vorcheil versprechen Sie sich und Gießen davon? Sie haben nur Verlust selbst bei den communistischten Ideen.

Sie werden doch meine Faniilie nicht in noch größeres Elend steken wollen, als die zurückgeblie­bene des ehrenwerthen, meuchlings ermordeten Re- gierungs-Commißär Prinz? Za! wenn es der Wehr Dich zugeben hätte, daß ich mein Erlerntes zu Nutzen und Frommen irregeleiteter Menschen hätte benutzen können und ich wäre ein vom Staat Besoldeter geworden und hätten mich dann tod ge­schlagen oder gestochen; dann war doch noch ein Scheingrund da, indem dann nicht mancher Jrege- leiteter noch allerlei schöne Arbeit von mir hätte lernen müssen.

Nun auch noch gar todschießen, ei um Gottes Willen, meine Herrn, ich halte Sie ja sämmtlich für Chavaliere und da werden Sie mir doch zuvor einen Cartellträger schicken? Mann gegen Mann im offen Kampf das ist ehrlich, aber 3, 4 und so fort gegen einen, das ist bübisch. Zudem schießen kann ich auch, das mag mir mein Freund der Büchsen­macher beweisen wenn er noch lebt! und wenn es denn gerade einmal schießen soll, so will ich auch mein Anthcil dabei haben. Und jetzt sage ich wie mein Freund Vohl ach! sind Sie doch auch nicht gleich so. Warten Sie bis der äußere Feind ankommt, dann schieben Sie mich in die ersten Linien, dem Burschen wollen wir den Pelz in Ge­meinschaft waschen als brave Hessen, aber im In­nern lassen Sie keine Feindschaft aufkommen.

Nun bitte ich noch meine nächsten Frenndinnen mich wenn ich an Ihnen Vorbeigehen muß, unbe­rücksichtigt zu lassen, sonst mögte Ihnen das Mittags- vder Abendessen anbrennen und dann hätten Sie dieselbe Einigkeit im Haus, wie wir in Deutschland. Zudem bringen mich Ihre schmachtenden Blicke in Verbindung mit Ihren zuvorkommenden Reden und Modulation Ihrer Kehlen, oft in beschämende

Verwirrung. Auch den Herrn Strumpfwirker bitte ich mich nicht zerreißen zu wollen, sondern so lange leben zu lassen, bis der Feind uns alle angreift, bann wollen wir sehen, wer das Zerreißen am be­sten verstehet.

Beim Kappenmacher endlich, bestelle ich mir dann gegen baar eine befchwänzte Kappe, damit er mich aus offner Straße nicht mehr ohne Ursache schimpfen und den Hallunken für sich behält und bann vor­wärts Marsch.

Sie fthen nun meine Herrn und Damen, ich bin unverbesserlich unb mögte unter allen Umstänben bie Freiheit behalten, die Sie so oft im Unmaas gcbrau- chfu Redefreiheit Deßhalb ist mir das Mi­nisterium ^aup auch schon recht, trotz dem es mich ver- geffen hat, es kennt doch feinen Platz besser wie ich und auch ivic der Wehr Dich; und die Preußen die lasse ich auch durchmarschieren und maebe denselben keine Vorstellungen die Stadt bei ihrem Mar­sche nicht zu berühren, denn ich weiß es hilft mich doch nichts, die Kerl haben ihren eignen Kopf und marschieren gerne gerade, eben so wie die braven Hessischen Soldaten. Und bekomme ich endlich auch noch gar in der schlechten Zeit einen Mann Einqua- *Leng; ~~ "un bann mag er mit mir aus einer Schussel essen unb erhält auch einen reinen Soffet

Unb zu dem so ein preußischer General wäre am Cnbe im Stande, wenn ich ihm so verrückte De­monstrationen machte und lachte mich aus, und bas würbe mich verbammt ärgern, weil ich bie Ehre habe ein Gießner Bürger zu seym

Jetzt schreibe ich nichts mehr, benn bas kostet (Selb unb wenn mein Freunb Brühl Buchdrucker nicht Rücksichten nimmt, bann kostet biese Rebesrei- heit viel no! aber doch wohl bas Leben nicht. Wenn ich nicht allemal eine Gänsehaut bekäme von hiesiger Oeffentlichkeit unb Münblichkeit, bann würbe ich mich birect benehmen aber! aber!

3ch bitte mir nicht mehr zu grollen und mich bie Wahrheit sprechen zu lassen unb verbleibe bann gewiß ber Ihrige

Gießen den 6. Juni 1849. L. I u n g f, Mech.

B etrachtung.

Das sonst so ehrsame deutsche Reich Sieht heut einer Schauspielbühne gleich! Auf dieser Bühne spielt man eben Ein trauriges Lustspiel aus dem geben Dlss Lustspiel führet den Titel fein: »Na.nu,. wer will Koch, wer will Kellner fein?'"

Diesem traurigen Lustspiel-Ragout Sehen bie Nachbarsvölker zu, Weinen mit, wenn ein Liebespaar S'fh verzehret mit Haut und Haar, Halten den Bauch uud lachen sich krank uever jeblueben gelung'neii Schwank.

Druck und Verlag der G. D.

Aber den Dichter kann ich nicht begreifen, Er thut von der Sache zu sehr abschweifen, Daß ich selbsten int Schauspielhaus Nicht merken kann wie bas Stück lauft aus. Am @nbe bricht wohl ein Rachechor Hinter ben Couliffen hervor Unb maffakeriret bei Mann unb MauS Alles int ganzen Schauspielhaus!

F. Hüne.

Berichtigung. Unter der Rubrik Versteigerungen unfe- Kummer, S. 483, 1. Spalte, Zeile 3 von oben, lies statt Freitag den 5. d. M., Freitag den 15. d. M.

Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei.