Ausgabe 
8.5.1849
 
Einzelbild herunterladen

405

Endlich empfahl sich der Baron sichtlich verstimmt und Aurel wurde nun Zeuge einer ziemlich gereizten Familienscene zwischen Bruder und Schwester, die ihm bewies, daß Johanna große Gewalt über ihre Mutter und einen festen Willen ihrem Bruder gegenüber besaß.

Ich habe keine Lust," sagte sie zuletzt, indem sie aufstand,mich zu Gesellschaften commandiren zu lassen. Ich will heute zu Hause bleiben, weil ich selbst Besuch erwarte und auch unseren Freund Aurel hier zu sehen wünschte. Laß Dick nicht abhalten der Einladung zu folgen, mir erlaube jedoch nach meiner Einsicht mit meiner Person zu schalten."

Sie grüßte Aurel und entfernte fick mit ihrer Mut­ter ; Eduard sah zum Fenster hinaus auf die Straße und suchte seinen Unmuth zu bemeistern.So sind die Weiber," rief er dann lachend,und diese da wird so launenvoll, wie sie war, seit ihre Muskeln neue Spannkraft erhalten."

Es sollte mir leid thun," erwiederte Aurel zögernd, wenn ich denken könnte, daß mein Besuch irgend ei­nen Antheil an dieser Weigerung hat."

Eduard sah ihn mit einem schnellen scharfen Blicke an, als überkomme ihn ein plötzlicher Gedanke, dann sagte er kalt und vornehm lächelnd:Glaube das ja nicht, Du würdest Dich gänzlich irren. Ich kenne die­se» Eigensinn besser; auch hälte es nichts zu bedeuten, wenn nicht eben heute diese altjüngferliche Sprödigkeit uns allen einen fatalen Querstrich machte. Ich will Dir nicht verhehlen," fuhr er dann fort,daß dieser Abend für mich sowohl, wie für Johanna, von Be­deutung sein sollte, denn nun warum soll ich es nicht sagen? wir sind auf dem Punkte uns beide unter die Haube zu bringen."

Ich habe davon schon etwas zu Hause gehört," erwiederte Aurel.Man sprach von Deiner nahen Verbindung mit der Nichte des Ministers."

Haben ste es schon herausgebracht, die guten Leute?" rief der Negierungsrath,nun wahrhaftig ste haben sonst keine allzufeincn Nasen, aber dies Mal doch das Rechte gefunden. Dann hast Du sicher auch ge­hört, daß ich nicht allein mich von Amor und Hymen steuern lasse, denn wie sollten sie wohl dazu kommen Johanna auszunehmen? Es ist ja eine köstliche Ge­schichte solche Doppelhcirath, und sie liegt so nahe, daß nicht fehl gegriffen werden kann."

In der That," sagte Aurel,man verschonte Deine Schwester auch nicht und vielleicht war ich der Einzige, der an der Wahrheit zweifelte."

Du zweifeltest und warum?" fragte Eduard mit verwunderter Miene.

Weil ich nach dem, was ich weiß, nicht glauben kann, daß Johanna so plötzlich eine Wahl treffen könnte, die anscheinend ja anscheinend nicht zu ihren Neigungen paßt."

Du kennst die Weiber nicht, mein Freund," rief Eduard,aber vor allen kennst Du die nickt, über deren Neigungen Du ei» Urtheil fällst. Johann»« war das übermüthigste zerstreuungssüchtigste Mädchen, ehe Richard, das Gespenst ihrer Phantasie zerstörend in ihr Leben griff. Jetzt hat sie endlick, gelobt sei Gotr! dieses Phantom überwunden, hat ihr früheres^ leichtes Blut und ihren fröhlichen Sinn wieder er­langt oder ist doch auf dem besten Wege dazu und was könnte ihr näher liegen, als an der Hand eines jungen, schönen, galanten, verliebten und in jeder Beziehung ihrer würdigen und ebenbürtigen Mannes das Leben zu genießen, dessen Freuden sich ihr von neuem öffnen." Er sprach die besten Lobeserhebungen des Freiherrn mit besonder»! Nachdrucke und fuhr dann gelassen fort:Plettenberg ist ganz der Mann dazu meine Schwester glücklich zu machen und nickts könnt« mir und meiner ganze» Familie fataler sein, als wenn etwa von irgend einer Seite ihr der Kopf von neuem verdreht würde."

Wenn Deine Schwester Deinen Freund, den Baron Plettenberg, liebt," antwortete Aurel kalt,so bin ich überzeugt, es wird nichts geben, was ihr den Kopf verdrehen könnte."

Du hast Recht," erwiederte der Regierungsrath in derselben Weise.Ich bin überzeugt, daß der Baron viel Raum in ihrem Herzen hat, dennoch würde cs Pflicht für mich sein, alles zu beseitigen, waS unser Glück und die Zukunft unserer Familie stören könnte."

Eine Pause trat ein, während welcher Aurel nach dem Hute griff und Eduard seine Uhr zog. Aus Wiedersehen also auf heute Abend," sagte der Regie- rungSrath,im Fall ich früh genug zurückkehre. Unter­halte meine Schwester gut, bis Plettenberg kommt und Dich ablöst, denn ich müßte mich sehr irren oder er hält nicht lange bei uns aus und sucht sich zu ent­schädigen."

Als Aurel am Abende in der Wohnung der Prä­sidentin erschien, war er eine Zeit lang allein in den großen geschmückten Gesellschaftsträumen, die von Hellem Kerzenglanze überstrahlt wurden, während die tiefste Stille darin herrschte. Er war zu früh gekommen und er fchämte sich seiner Ungeduld. Mit großen Schritten ging er auf und nieder, die Spiegel vervielfältigten seine Gestalt, die bleich und still ihn begleitete und als er endlich still stand, um seine Züge zu betrachten, in deren Ausdruck sich seine Unruhe deutlich genug er­kennen ließ, widerhallte das Zimmer von dem Seufzer, mit dem seine Selbstbetrachtungen endeten. In die­sem Augenblicke öffnete sich die Thüre und Johanna empfing ihn lachend und so schön und belebt als hätten sie beide ihre Empfindungen und ihr ganzes Wesen umgetauscht.

(Fortsetzung folgt.)