Ausgabe 
4.12.1849
 
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Erwägt man, daß die tiefste Wunde, die welche am heißesten brennt, dem Gewerbstande gerissen ist, so würde es von Leidenschaftlichkeit, Stupidität oder grenzenloser Leichtsinnigkeit der Wähler unsers Wahlbezirks zeugen, einen Mann, obwohl er ein Ehrenmann sein kann, aus der Urne hervorgehen zu sehen, der die wahre Glückseligkeit des Volkes nicht erfaßt hat, schwärmerisch alles Bestehende umreißen möchte, ohne für dieses etwas Besseres als ein zartes Modell, die Ausgeburt idealer Auschauungeu hinzustellen. Die Wahlberechtigten, we­nigstens zum großen Theil, haben die ernste Bedeutung, welche gerade diese Wahl für sie hat, nicht ergriffen; sie wälzen sich wie Eisschollen im Strudel fort; sie erkennen nicht, daß es.sich um Erlangung einer deutschen Republik jetzt gar nicht handeln kann, daß es vielmehr gilt, ein Panier zu bessern und zu festigen, unter dem Handel und Gewerbe lang geblüht, sie erwägen kaum, wie es jetzt Noth thut unsere kirchlichen Verhältnisse zu reformiren, um der drohend hereinbrechenden Sittenverderbuiß und Irreligiosität einen Damm entgegenzubauen und erwägen auch endlich nicht, wie sie das Wohl des hiesigen Gewerbstandes, ohne kriechend, speichelleckerisch und katzenbuckelnd zu sein, als aufrichtige und vernünftige Bürger fördern können, sie würden bei der Wahl, besonnener gewesen sein als wie zum Trotz der Regierung leidenschaftlich zu stimmen.

Bürger! hegt Ihr solche Antipatie gegen Staatsdiener, so fragen wir Euch : Ist denn der Wahlbezirk Gießen so atm an tüchtigen Männern, die das Leben in ihrer Allseitigkeit kennen? Hatte der Gewerbsta-id nicht einen Eandidaten, der die Interessen seiner Mitbürger zu vertreten im Stande gewesen wäre? Hattet Ihr aber nicht diese Antipatie gegen sogenannte Staatsdiener (denn wir sinds ja alle) so begreifen wir nicht, daß ihr den, von einem freilich nicht bei Euch beliebten Verein, vorgeschlagenen Eandidaten, der doch bei Euch als verständiger, freisinniger und ehrenwerther Manu*) sich bewährte, Eure Stimmen entzöget. Durch fotwährende, hartnäckige Opposition der Staatsregierung gegenüber, die Euch doch, beiläufig gesagt, nie stiefmütterlich behandelte, werdet Ihr gewiß Euer Wohl nicht fördern, wohl aber Eure Zukunft gefährden! Viele Artikel der Darmstädter Zeitung und anderer Blätter, auf deren parteilichen Inhalt wir nicht weiter cingehen mögen, haben die oft ge­haltlose Opposition einer sogenannten Volkspartei vielfach getadelt und nicht unzweideutig auf die sehr möglichen nachtheiligen Folgen hingewiesen. Diesen Hinweisungen hat die Opposition nichts als das WortButzemänn- chen" entgegen zu halten vermocht. Denn allerdings darf die Negierung (von einer republikanischen wird es verlangt) ohne ungerecht zu sein durch Verlegung öffentlicher Institute den industriellen Verkehr Gießens be­einträchtigen und dafür andere Städte, mit weniger blühendem Verkehr berücksichtigen. Wäre die Regierung leidenschaftlich wie unsere opponirende Volkspartei, und hegte sie Groll, so würde Gießen es gewiß empfunden haben; die Handlungsweise derverzogenen Kinder" ist aber so unnatürlich als ungerecht. Setze man unfern Ansichten immerhin auch das WortButzemännchen" entgegen; schon manches scheinbare Truggebild hat sich demaskirt ehe mans vermuthete.

Ein besonderes Wort aber richten wir an diejenigen, die von ihrem Wahlrechte keinen Gebrauch machten. Diese haben durch ihre Lässigkeit einen bcklagenswerthen Beweis geliefert, wie wenig sie um das Wohl und Wehe ihrer Mitbürger besorgt sind, weil sie vielleicht weniger Lasten zu tragen haben. Freuen sollte es uns, hätten wir durch Gegenwärtiges die Gleichgültigen in Etwas aufgerüttclt, damit die Regierung bei nächster Wahl sähe, daß sie nicht an der Spitze eines Volkes steht welches sich nicht waschen mag weil ihm die Nacht­mütze dabei hinderlich ist, sondern daß sie in ihren Staatsbürgern erkenne Bürger voll Kraft, Einsicht und Ehre!

Die Regierung wünscht eine wahre Vertretung seiner Staatsbürger ohne diese muß der Ausbau miß­lingen. Darum mache jeder Wähler aus der Berechtigung eine Pflicht und gönne dem Wahlacte die ihm gebührende Würdigung, dann wird auch ohne Leidenschaft gewählt werden und eine wahre Volksvertretrng mit der Regierung Hand in Hand gehen.

Referenten dieses sind keine Reaktionäre; man hat unsre Namen nie unter Petitionen des vaterländischen, wohl aber unter manchen der demokratischen Vereine gelesen, daS aber glauben wir unfern Mitbürgern ans Herz legen zu müssen, daß sie sich hüten mögen mit dem Wohl der Stadt leichtsinnig zu spielen!

Gießen, den 3. Dezember 1849. Einige Bürger.

*) £>r. Dr. G. W. Soldan zu Gießen.

Auszuleihen.

2258) Gießen. 2400 fl. können gegen gerichtliche Obligationen Ende December l. I. aus- geliehen werden. Näheres bei Rechner Dauernheim in Gießen.

2227) Gießen. Ohngefähr 8001000 fl.

Vormundschaftsgelder liegen bis Weihnachten zum Ausleihen bereit. Ausgeber d. Bltts. sagt wo?

Druckfehler.

In Nr. 95. des Anzeigeblattes lies in den Fleischpreife» statt Hammelfleisch 8 tr., 9 fr. D. Red.

Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Eteindruckerei.