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Michel. Da hat der Vogt auch ganz recht: darin liegt auch gar nit der Unterschied zwischen Republik und Monarchie: der Unterschied liegt nur darin, daß eine Monarchie einen erblichen Fürsten hat, eine Republik aber immer das Oberhaupt wechselt, so daß die ehrgeizige Mensche immer h'nauf, oben hin wolle. Die aber h'nauf wolle, die trete die andern Bürger erst in Dreck, und auf sie herum , wie man es ja deutlich genug in Frankreich sieht. Ah, schönes Ideal von Staatsverfassung!! Sieh'st du, darum will der deutsche Michel keine Republik. Darum bin ich entschiede gege den Vogt, weil er hat drucken lasse: „Eine republikanische Verfassung betrachte ich als das Jreal (die größte Vollendung) einer Staatsverfassung". Im obigen hat er sonst Recht.
Jost. Na! warunl hast du denn das Obige gesagt, eine Kammer mache die Republik, wenn du nun selbst das anders ansiehst.
Michel, (leise) Das war ein anderer Michel. Du weißt, es giebt einen großen deutschen Michel, und dann viele viele kleine. Dao war mein Vetter!
Jost. Also bleib'st dabei, du wählst den Vogt nicht?
Michel. Nein! Auch den Herrn Moritz Carriere nicht, u. s. w.
Jost. Davon kannst d' 'n andermal rede. Was hast du gegen den Vogt?
Michel. Sieh'st du, ich sprech' nicht gegen den Prof Vogt als Menschen, was er sittlich vor Gott Werth ist: da kann er ein ganz guter Mensch sein, wie der deutsche Michel auch, das geht zunächst nur ihn und den lieben Gott an. Ich red' nur davon, was er für politische Grundsätze hat, und wornach er als Abgeordneter für das Volk wirken will. Das geht uns aber gar sehr an: das gilt für uns und unsere Kinder. Wer aber öffentlich auftritt, der muß Urtheile anderer wünschen.
I o st. Na! was meinst du da?
Michel. Nach meinem dummen Verstände hat der Prof. Vogt einen höchsten politischen Grundsatz, der entweder gar kein Grundsatz, oder ein sehr bedenklicher ist.
I o st. Ich bitt'! lieber Mitbürger, das wäre ja schlimm, sehr schlimm ! !
Mache l. Er sagt mit dürren Worten: die Republik sei sein Ideal, er wolle sie aber nicht, wenn sie die Mehrheit nicht wolle, er will sie also, wenn sie die Mehrheit will. Er sagt weiter: die wahre Freiheit ist der Wille des Volkes, d. h. doch wieder, der Wille der Mehrheit. Er will also immer, was die Mehrheit will.
Jost. Ich hab' schon gebitt'! ist das nicht der rechte politische Grundsatz?
Michel. Nein! Hör nur! Will denn die Mehrheit immer das Rechte? Hängt denn die Wahrheit immer von der größeren Zahl ab? Wirkt denn da nicht immer die Meinung vom größeren Vortheil, zu
nächst vom leiblichen Wohlbefinden ein? So hat kein Staatsmann, kein wahrer Politiker geurtheilt. Der große englische liberale Minister Grey, der die Reformbill und die Emaneipation der Katholiken durchgesetzt hat,, hat gesagt: „Wer das Volk vertreten und führen will, der muß sich nicht in die Räder hängen, sondern sich auf den Bock setzen", d. h., der muß über- alle politische Fragen seine eigene feste Ueberzeugung haben. Das nennt man: politische Grundsätze haben. Wer aber nur der Mehrheit folgt, nur will, was die Mehrheit will, der hat nach meinem dummen Verstände keine festen oder bedenklichen Grundsätze als Politiker. Darnach würde ein solcher Abgeordneter immer der Mehrheit, d. h. , den Ereignissen folgen und sich anfchlicßen. Dann wäre es ja ganz gleichgültig, wen wir nach Frankfurt schickten.
Jost. Mir geht ein Licht auf, Michel fahr' fort, ich bitt, was ist denn der wahre politische Grundsatz, den ein Abgeordneter haben muß?
Michel. Das ist nur: das Recht, d. h. was vor Gott und Menschen recht ist, vor den Menschen ist aber nur recht, was vor Gott recht ist.
Jost. Michel, Michel, du bist reactionär!
Michel. Laß gut sein, so dumm ist der deutsche Michel wirklich nicht. Nur ein Dummkopf ist jetzt reactionär. Aber die Radicalen brauchen das Wort nur, um manchen ehrlichen Manu zu verdächtigen, als Schlagwort.
Jost. Was willst du denn eigentlich?
Michel. Was der Bürgerverein in Darmstadt will: ein freier constitutioneller Mann, freie eonsti- tutionelle Monarchie, mit allen den Rechten und allen den Freiheiten für das Volk, wie es der Darmstädter Vaterlandsverein ausgesprochen hat. Darum wähle ich den v. Gagern in Darmstadt.
(Forts, folgt.)
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An Herrn Professor Vogt.
Sie sind noch nicht mit sich im Reinen, ob die künftige Centralregierung Deutschlands zwei Kammern oder Eine haben soll. Wenn darin auch nicht, wie „mehrere Bürger" gemeint, der Unterschied zwischen Republik und Monarchie steckt, so ist es doch jedenfalls unter allen den Fragen, welche in Frankfurt werden verhandelt werden, die wichtigste und schwierigste. Wenn Sie über jene wichtigste Frage noch nicht mit sich selbst klar sind, wie vertagt cs sich mit Ihrem Gewissen, sich als Candidat für Frankfurt zu melden?
Sie betrachten eine republikanische Verfassung, ähnlich der amerikanischen, als das Ideal einer Staatsverfassung. Gehört die Sclaverei, welche zur Schande der Menschheit dort herrscht, auch mit in Ihr Ideal? Gott behüte uns vor solchen Idealen


