Ausgabe 
1.4.1848
 
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wenn sie für das Rechte und Vernünftige gebraucht werden und welche zugleich dafür Garantie leisten, daß nicht die Willknhr oder die Leidenschaft herrschen, sondern daß das wahre Beste des Volks gefördert werde. Auf dieser bereits gewonnenen breiten und festen Basis muß sich nun der Bau der deutschen Freiheit in ruhiger und kräftiger Entwicklung gestal­ten und wir werden ihn dann, wenn er einmal ge­fährdet werden sollte, mit unfern Waffen zu schirmen wissen. Aber eS ist eine solche Gefahr, welche unsere Waffen bedürfte, außer uns nicht zu erblicken; wir selbst sind es, welche unsere Freiheit bedrohen; denn es ist nicht möglich, daß dieselbe wahrhaft gedeihe, wenn wir nicht zugleich damit anfangen, uns selbst frei zu machen von den vielen Fesseln und Banden, in die uns unsere Leidenschaften legen, wenn wir nicht frei werden besonders von der Selbstsucht, von der Genußsucht, von der Ehrsucht, von der Streitsucht, von der Klatsch- und Verläumdungssucht, von der Schadenfreude, von dem Neid, von der Kleinlichkeits- krämerei u. s w., wenn wir nicht dafür die wahren Burgertugenden, Einigkeit, Treue, Geineinsinn, Ge­setzlichkeit unter uns allgemein machen. In uns selbst sind die wahren Gefahren der Freiheit verborgen, wir selbst bringen uns um unsere Rechte, nicht aber drohen ihnen setzt Gefahren von Seiten der Fürsten, welche nun erkannt haben, daß sie um des Volkes willen da sind, nicht das Volk um ihretwillen, oder von Seiten der Aristokraten, die lernen daß unsere Zeit nicht mehr die ihrige ist. Wir Hessen aber ins­besondere haben nicht den geringsten Grund Miß­trauen gegen unfern Fürsten und seinen Minister zu hegen, Garantien zu fordern, daß uns auch das Verheißene gewährt werde, zu warnen vor dem Glau­ben an unerfüllte Versprechungen rc. Wann hat noch jemals einer unserer Fürsten sein Wort gebrochen? Selbst der böse Schein schwindet, wenn man weiß, daß nach unserer Verfassung die allgeineincn Be­schlüsse der Bundesversammlung verbin­dende Kraft für unser Land haben sollen und daß darum unser Großherzog nicht immer so handeln konnte, wie ihm sein Herz eingab; wenn man be­denkt, daß der Regent ohne den Minister nicht han­deln konnte, wie er wollte, daß der Minister ver­antwortlich war und wir selbst die Kammer ge­wählt haben, welche sich zur Mitwirkung für seine Maaöregeln verleiten ließen. Unser Erbgroßherzog aber ist seinem Volke alsbald mit Offenheit und Ver­trauen entgegengekommen; sollen wir ihm nicht das­selbe Zutrauen schenken? haben wir nicht Beweise seines Charakters und seiner Grundsätze, welche uns vollkommen Garantie für die Festigkeit seines guten Willens leisten? Und wer hat Ursache an demCha- racter eines deutschen Mannes wie Gageru zu zwei­feln? Oder welcher Vernünftige will von ihm for­

dern, daß er Institute, welche für die Ewigkeit be­rechnet seyn müssen, in einem Augenblick in'ö Leben zaubern solle? Und könnten diese beiden Männer uns verrathen wollen, haben wir nicht Preßfreiheit, Petitions- und Versammlungsrecht, Landstände, also Mittel unseren festen Willen mit Kraft, aber in ge­setzlicher Weise, ausznsprechen, und wer will dem ei­nigen Volkswillen Widerstand leisten? Wo lauern denn nun sonst in unfertn Laude die Gefahren für unsere Rechte, gegen die wir unsere Waffen gebrau­chen sollen? Wahrscheinlich nicht von dort, wo man sie suckt, drohen sie, nur unter uns selbst müssen wir die Feinde suchen, welche allein uns um den Segen unserer jungen Freiheit zu bringen im Stande sind noch ehe sie ihre Flügel kräftig entfaltet hat. , Es sind die Selbstlinge, welche um sich und ihre indi­viduelle Meinung gelten lassen wollen, es sind die Schwärmer, welche, im ewigen Sturm und Drang fortstürzend, alles Bestehende über den Haufen reis­sen wollen, aber die Kräfte nicht haben, etwas Bef- feres dafür aufzubauen; es sind die Ehrgeizigen, welche auf den Schultern der Andern emporsteigen wollen und unter der Firma der Freiheit nur ihre Herrfchsncht verbergen: es sind die Störer der Ord­nung, die Verächter des Gesetzes, die Aufwiegler der Unverständigen und Leichtsinnigen, die Schwind­ler, welche Chimären für Wirklichkeit geltend machen, die Wühler, welche den Samen der Zwietracht und des Mißtrauens im Volk ausstreuen und die Schrecken der Anarchie erndten möchten. Wahrlich, wenn wir von Waffen Gebrauch zu machen hätten, wäre es nur gegen diese Feinde nöthig, welche der Reak­tion, wenn sie möglich wäre, am Kräftigsten vorarbeiten, indem sie Ereignisse provoeiren, welche den Beweis liefern würden, daß unser Volk für feine Freiheit nicht reif fei). Allein sie werden sich an dem gesunden Sinne des deutschen Volkes irren; sie wer­den finden, daß dasselbe längst weiß, daß Frei­heit nur bestehen kann durch Gesetz und Recht, und daß es darum nur aus dem Wege des Gesetzes und des Rechtes seine Zukunft gründen und dauerhaft besestigen kann. Darum irren auch die sehr, welche glauben, wir Bürger von Gießen hätten die Waffen ergriffen, um uns eine Garantie für die Er­füllung der Verheißungen unseres Fürsten zu ver­schaffen, oder damit die Einheit Deutschlands oder irgend ein anderes Recht zu erkämpfen. Was uns verheißen ist, das wird uns auch werden, ohne daß wir es mit Waffen von unferm es redlich mit seinem Volk meinenden Fürsten zu holen brauchen. Und Deutschlands Einheit wird durch eine volksthüm- liche und vernünftige Gesammt- Verfassung gesichert werden, ohne daß Gewalt dazu anzuwenden wäre. Der Zweck der Bildung unserer Bürgergarde war vielmehr von Anfang an klar und schwebt uns noch