Ausgabe 
30.6.1847
 
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Dummer Tölpel!" rief der Dauphin und zupfte den Erschrockenen am Ohr.Ist das was so Entsetz­liches, wenn sich der künftige König von Frankreich in eine schmucke Bürgerdirne verliebt? Du sollst mir helfen, mich bei dem Mädchen in Gunst zu bringen/'

Nein fürwahr," crwiederte der Günstling,Ihr hättet mir erzählen können, der Sultan Mahomed sey aus Constantinopel verjagt, so hätte ich Euch eher ge­glaubt, als diese Liebesgeschichte. Ihr scyd also ver­liebt und ich soll Euch helfen?" dabei unterdrückte er 'mühsam das Lachen.

Der Dauphin drehte sich gleichgültig auf dem einen Absatz herum und schlug ein Schnippchen.Ventre bleu, Einfaltspinsel!" rief er dann und trat dem Diener dicht unter die Augen.Wie Du mich hier siehst, glaubst Du nicht, daß der künftige König von Frankreich Eindruck auf das empfindliche Herz einer Bürtzerdirne aus dem dritten Stanv machen könnte?".

Jeoffroy murmelte etwas, was beinahe wie:wohl dem König von Frankreich!" klang, dann rief er aber, laut:Täuscht mich nicht Alles, Hoheit, so habe ich bereits die Flamme, in deren Wärme Ihr Euch zu erquicken gedenket, gefunden. Fürwahr Euere Hoheit hat Geschmack und weiß zu wählen."

Der Dauphin schmunzelte lüstern.Nicht wahr, Du Grognard !" - sprach er, sich wohlgefällig mit den Fingern am Knebelbart zupfend.Doch, Du Teufels­kerl, wie hast Du ausspionirt, was ich selbst noch nicht einmal recht gewiß weiß?"

Ah, lernt mich nicht Euere Gesichtszüge kennen !" trmmphirte der Schlaue.Als Ihr heute Mittag in dies Nest einzogct und in der engen Gasse du tour Euer Pferd wandet, da schlug der Gaul aus und zer­schmetterte einen Fensterladen. Ich kam gerade noch herzu, um einen halb unterdrückten weiblichen Schrei zu vernehmen und sah, wie man die schlanke Gestalt eines jungen und wahrscheinlich auch sehr schönen Märchens vom Fenster schaffte. Ihr aber wäret wie angebännt und warft einen Blick in das niedrige Erdgeschoß, ich sage Such, Hoheit, einen Blick ich habe deren wenige, von Euch aber noch gar keinen ähnlichen gesehen."

Teufelskerl!" brummte der Dauphin und schlug den Lustigen dexb auf die Achsel.O, daß ich König wäre, das Mädchen sollte in Seide und Purpur alle zierlich gedrechselten Prinzessinnen am Hof meines Paters überstrahlen, aber dieser knickerige Burgunder­herzog er sprach dies leise und sah sich vorsichtig umVentre bleu, was läßt sich mit den 3000 Goldthalern im Monat anfangen!"

Jeoffroy lachte überlaut!Ei, was sind das für Ansichten; Ihr sprecht bei dem Mädchen von Gold wer wird denn so mit der Thüre in's Haus fallen? Geht hin, ergießt Euch in schönen Worten, stellt der Dirne Euer Unglück vor: Ihr wäret verstoßen, Euer

Herz sehne sich nach Vertrauen, winselt, pinselt und spielt eine feine Komödia, das wird ihr Herz sicherer denn Seide und Purpur erschließen."

Du bist ein Meister, Jeoffroy," crwiederte Ludwig vergnügt.O, daß ich König wäre, ich wollte Dich belohnen! Doch um einen Anfang zu machen, nimm hundert Goldgulden, trag sie der Mutter des Mädchens hin für das Sckunerzengeld und sag, ich käme selbst bald nach; aber, mein guter, kluger Jeoffroy, erschöpfe « Deinen Witz und mach', daß ich Mieden mit Dir seyn kann."

Jeoffroy war wie der Wind zur Thüre hinaus.

Par la Päque de Dieu," murmelte der Dauphin vor sich hin, als er allein war.Das Mädchen wird mein Herz erwärmen und mein Ruf doch nichts da­bei verlieren. Bin ich nicht schon König von Frank­reich? Dieser Karl VII. kann doch nicht ewig leben und das Volk, der dritte Stand ja, ich muß ihn hervorziehen; diese Adeiichen, diese Feudalherren sie müssen zertreten werden. Ventre bleu, diese stolzen .Hohlköpfe, die mich oft so gemartert, sollen den elften Ludwig fürchten lernen! Das Mädchen, ja das Mäd­chen kann mir noch viel helfen. Ich werde mich po­pulär machen, die Gesinnungen meiner Bürger er­forschen o daß ich König wäre!"

Unter solchen Bettachtungen warf er sich ermüdet in einen Lehnsessel und schlief, noch immer vor sich hin murmelnd, ein. 1

2.

In der Straße du tour war Alles bereits tobten; still. Die Läden waren geschlossen, die Thüren ver­wahrt und verriegelt und nur selten schlich ein Bürger, der sich verspätet hatte, an den Häusern hin. Es hatte eben zehn Uhr, auf dem St. Matthiasthurm geschlagen^ da kam eilig, sporenklirrenden Schrittes ein junger Mann die Straße heraufgeschritten. Er zählte .bedächtig die Häuser ab und schlug dann ziemlich barsch an die Thüre eines der kleinsten, aber am nettsten gebauten an. Alsbald schlürften Tritte der Hausthür entlang, Schlüsselgeklapper ließ sich vernehmen und die Stimme eines alten Weibes fragte ängstlich nach dem Begehr des späten Gastes:Mache nur auf, Mutter," rief der Außenstehende.Ich bin kein böser Geist, sondern vielmehr einer, der Euch viel Gutes zu sagen hat. Man nennt mich Jeoffroy, vom Gefolge des Dauphin und ich komme im Auftrage eines Höheren."

Dieu m en preserve!" kreischte die Alte;ich Be- klagenswerthe, was habe ich gethan, daß Ihr mich Heimsuchen kommt? Ach geht, geht lieber Herr, ich kenne den Herrn Dauphin nicht und Will nicht fremde Herren in meine stille Behausung einlassen. Ihr seyd fehl gelaufen."

Cent mille moustaches! Alte, bringt mich nicht auf," fluchte Jeoffroy zurück,bei der Ehre meines Herrn, es geschieht Euch kein Leids."