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Nassauweilburg. Das Heer kam nach der Eroberung von Rouen an und seine Ankunft richtete den Muth der Hugenotten wieder auf. Es wurde unter den Oberbefehl Audelots gestellt, drang bis vor Paris und focht mit in der Schlacht bei Drcur. An Gelegenheit Beu'e zu machen fehlte es nicht, welche Hohe und Niedere zu benutzen wußten. Rvlshausen brachte bei der Heimkehr eine Reihe von Maulthieren mit, welche Gepäcke, Geld und Gut trugen. Er baute davon an einen Waldabhang an der Lahn, nicht weit von Staufenberg, ein prachtvolles Wohngebäude, ähnlich den Palästen jener Zeit in Paris, und nannte es, nach seinem Namen, Friedelhausen. Man staunte das prachtvolle Gebäude an, der gemeine Mann nannte es Klein-Frankreich. Die beiden Grafen von Nassauweilburg , Albert und Philipp bezeigten ihm dadurch ihre Zuneigung, daß sie ihm durch eine Urkunde 1570, jedes Jahr auf seine Lebenszeit hundert Wagen Holz aus ihrem Gleiberger Wald zu seinem Haus Friedel- hausen zusagten. Wenige Jahre hernach erkrankte Graf Albert, seine Kräfte nahmen ab und keine Speise wollte ihm mehr schmecken. Endlich äußerte er, als man ihn fragte, was er gekocht zu haben wünschte, wenn er eine so wohlschmeckende 'Bohnensuppe hätte, wie ste einst der Oberste von Rvlshausen in dem Felv- zug in Frankreich gekocht hätte, so meine er, er könne wohl davon essen. Ein reitender Bote wurde alsbald nach Friedelhausen abgeschickt, mit der inständigen Bitte, daß Graf Albert ungemein großes Verlangen hegenden Obersten bei sich zu sehen, dieser begab sich nach seiner Ankunft in Weilburg in die Schloßküche und ließ die Bohnensuppe aufs Beßte zurichtcn. Als aber die . Suppe gebracht wurde, so wollte ste dem Kranken auch nicht schmecken. Herr Graf, bemerkte hierauf Rolshausen, lasset uns zuvor vierzehn Tage herumziehcn und Hunger leiden, wie damalen in Frankreich geschah, was gilt's, bittere Bohnen werden uns süße schmecken.
Der Bastard von Gemappe.
Historische Erzählung von F Menk.
(Fortsetzung.)
Als das versammelte Volk, ob dieses seltsam kargen Einzuges erstaunt, seinen Jubel nicht gleich in Ausrufungen laut werden ließ,, warf der Dauphin lauernde Blicke umher und sprengte mit solcher Hast durch das Stadtthor, daß er beinahe einen ziiterndcn^Greis überritten hätte. Die Straße war eng, welche au dem Thor endigte, und während Ludwig sein Pferd zurückriß, um seine Begleiter zu erwarten, schlug das unruhige Thier heftig aus und zerschmetterte mit dem gewaliigen Huf einen Fensterladen, daß die Splitter herumflogen. Ein durchdringender Schrei von dieser Seite bewirkte, daß der Prinz den Kopf dorthin wandte. Ein junges Mädchen, wahrscheinlich von einem der
Splitter getroffen, lag ohnmächtig auf dem Gesims des niedrigen Erdgeschosses, und eine Matrone war eifrig bemüht, unter fortwährendem Schellen über den Plumpen Reiter, ihr das hervorrieselnde Blut aus dem zarten Gesichtchen abzuwischen. Der Dauphin blickte hin und konnte kaum die Augen von der wunderschönen Ohnmächtigen abwenden. Reizender glaubte er selbst an dem glanzvollen Hof seines Vaters, wie des Burgunderherzogs, kein weibliches Wesen gefunden zu haben. Gern hätte er noch länger verweilt, allein seine Begleitung rück e heran und von dem Strom der Volksmenge ward er mit fortgerissen.
Beglückwünschend traten ihm auf dem Rathhaus die Väter der Stadt entgegen, und herzlich froh war er, als das langweilige Salbadern endlich ein Ende ge- nonimen hatte und er sich, angekommen in seiner Behausung , gemächlich in einen großen Lehnsessel werfen konnte. Sein damaliger Vertrauter, Schreiber, Barbier, und Doctor zugleich, bemühte sich mit großer Geschäftigkeit seinen Herrn zu entkleiden.
„Erbärmliches Volk, diese Brabanter," warf er gleichgültig und verächtlich hin, indem er dem Prinzen die gewaltigen hirschledernen Sticfeb auszog ; „habt Ihr nicht vie langen Gesichter gesehen, die das dumme Volk schnitt, als es Euch ohne Heer und Gepränge einziehen sah?"
„Quand orgueil chemine devant, honte et dom- mage solvent de pres,“ *) murmelte der Dauphin vor sich hin und warf einen boshaften Blick um sich. „Ich habe diesen Gemappern ein Plätzchen in meinem Gedächtniß cingeräumt. Päque dieu, bin ich erst König von Gottes Gnaden" —■ dabei bekreuzte er sich andächtig, — „dann solle mir das französische Volk schreien, daß ihm die Kehlen springen. Was meinst Du, Jeoffroy, wenn ich mich bei diesen ehrbaren Pfahlbürgern in Gunst setzte und durch die dritte Hand einen Bericht an den Herzog von Burgund oder nach Paris machte ?"
Jeoffroy lachte überlaut: „Ich verstehe, gnädigster Herr!" ries er dayn noch immer lachend. „Eure Berichte sind auch immer so wirksam, daß in Folge davon halb Gemappe, als des Hochverraths angeklagt, deci- mirt werden würde. Denkt Ihr noch an den Herrn von Armagnac, jenen Einfaltspinsel, der. sich Graf von Gottes Gnaden betiteln ließ? Ihr machtet damals auch einen Bericht und er mußte die Hälfte seiner Ländereien zur Dauphine schlagen!"
„Pah!" entgegnete gleichgültig Ludwig, „der Narr hätte den Galgen verdient. O, warum bin ich nicht König! Doch lassen'wir vaö jetzt. Weißt Du wohl, Jeoffroy, ich-bin verliebt, ernstlich verliebt!',
Jeoffroy sah hoch auf und crschrack so,, daß er den Stiefel, welchen er gerade in der Hand hatte, fallen ließ.
♦) Hochmuth kommt vor dem Fall. Ludwig's gewöhnliches Sprichwort.


