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im Gtmache herum, eilte dann zum Belle der Kleinen, hob die Erschreckte aus demselben und drückte sie innig an seine Brust.
Eugenie stand erstarrt. Es gingen ganz eigene Empfindungen in ihr vor. Sie wußte nicht, sollte sie sich freuen, oder nicht. Der General verstand sie wohl. Er näherte sich ihr mit Klärchen auf dem Arm.
„Eugenie," sprach er sanft, „verbanne jetzt alle Eifersucht und freue dich mit mir. Wie oft erzählte ich dir nicht, liebes Weib, von den Strapatzen des russischen Feldzuges, wie ost die Schrecken des 17. und 18. Novembers 1812, wo Napoleon's Heer eine so schreckliche Niederlage bei Krasnoy erlitt. Wie ost habe ich dir nicht schon erzählt, daß mir an jenem Tage ein Mann, (aber, du hast doch wahrlich kein Gedächtniß,) ein Mann, Namens Franz Loose, zweimal das Leben gerettet hat, daß er mir, auf den Tod verwundet, sein Weib und Kind empfahl. Wie oft hast du selbst gesehen, wie ich mir Mühe gab, diese mir Anempsohlenen zu finden und nirgends Etwas von ihnen erfuhr. „Eugenie," setzte er jetzt weich hinzu, „ich hätte dich nie gesehen, wäre in Rußlands Schnee ewig begraben, wenn dieser Mann nicht gewesen wäre. Können wir also sein Kind verstoßen von unserem Herzen? Eugenie, liebes Weib, sieh hier deine Tochter!" Und mit diesen Worten legte er das sanft weinende Klärchen an die Brust seiner Gattin. Diese war lief ergriffen und drückte die Kleine innig an ihre Brust.
„Ich will dir eine liebende Mutter sein!" hauchte sie Klärchen zu.
Der Arzt war tief gerührt bei diesem Anblick, und zu den drei Glücklichen sich wendend, sagte er:
„Noch nie habe ich irgendwo einen freudigern Christabend erlebt, als diesen, und noch nie eine Blume gesehen, die so viel Glück und Freude gestiftet hat, als diese C h r i st r o s e."
(Die Muthlosigkeit in unserer Zeit.) Jüngst las ich in einer Reisebcschreibung, daß man in einigen indischen Tempeln heilige Flöhe ausbewahre. Mir kommt es vor, daß die Leute bet uns gegenwärtig ähnliche stechende Thierchen hüten, indem sie ihre düstern Ansichten über die böse Zeit gewiß nicht nachlässiger hüten, als in Indien die Flöhe gehütet werden. Die Armen sind es hauptsächlich, die an den Gedanken, daß noch nie eine schlechtere Zeit gewesen sey und daß sie nimmer schlechter werden könne, wie angefroren sind. Die Muthlosigkeit war zwar auch groß im Jahr 1834, als ganz Deutschland die Cholera erwartete, aber so ängstlich wie jetzt pochten
die Herzen doch nicht. Jeder Mensch irrt, welcher glaubt, er könne nicht noch unglücklicher werden, als er es bereits ist Wir leben freilich in einer h-rben Zeit, aber ein Blick rückwärts überzeugt uns, daß unsere Vorfahren viele ungleich bösere Jahre zu überstehen hatten. In den Jahren 1675 und 1698 kam z. B. in Oberschwaben gar keine Frucht zur Zeitigung. Im Jahre 1622, da ein Sechöbätzner so viel Werth hatte, als jetzt 1 fl. 30 fr., kostete von Michaelis bis Martini das Malter Korn nicht weniger als 80 bis 100 Gulden. In den Jahren 1225, 1491, 1501, 1570, 1571 und 1612 verdarben alle Feldfrüchte. Dennoch überstanden unsere Vorfahren diese Zeiten inuthiger, als wir eine viel mildere. Damals aber lebte man einfacher, man machte sich der Bedürfnisse weniger. Sonderbar ist bei dieser jetzt zunehmenden Muthlosigkeit, daß sie sogar Zeichen am Himmel zu sehen angefangen hat. So begegnete mir aus der Straße ein Holzhauer, der von seinem Tagewerke heimkehrtc. Ich redete ihn an, und sein zweites Wort war die Klage über schwere Zeit. Da erzählte er unter Anderm, als er Morgens früh in den Wald gegangen sey, habe er an dem mit Sternen besäten Himmel ganz deutlich eine Todten- bahre, umleuchtet von vielen Kerzen, erblickt, was doch nichts Gutes bedeuten könne. Was konnte ich ihm entgegnen, als daß die Phantasie bei solchen Erscheinungen, die sich dem, der sie sehen will, gar oft zeigen, allzuthatig sey. Von einer ähnlichen Erscheinung, wie die erzählte, berichten uns auch — es sind jetzt gerade 300 Jahre — die alten Chroniken von 1547. Darin lesen wir z. B., daß man am Allerheiligen - Tage dieses Jahres in Sachsen Morgens bei Sonnenaufgang eine Todteubahre am Himmel gesehen habe, die ganz schwarz bedeckt und durch welche ein rothes Kreuz gegangen sey; vor und nach der Bahre gingen Leute in Klagkleidern mit Posaunen und Trompeten; „man konnte sie auf dem Felde blasen hören." Wie kommt es denn, daß die Furcht vor dem jüngsten Tage immer zuvorderst ist, sobald man am Himmel eine außergewöhnliche Erscheinung sieht? Ein Zeichen von den ruhigen, wohl- bestellten Gewissen der Menschen ist darin doch wohl nicht zu erkennen.
(Schluß folgt.)
Feuilleton.
Eine Dame, die einen sehr weiten Mund hatte, klagte über Ohrenschmerzen. „Sie werden sich in’8 Ohr gebissen haben," sagte eine andere Dame, „als Sie sich gestern in der Komödie über meinen Anzug fast zu Tode lachen wollten."
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei in Gießen.


