Ausgabe 
28.8.1847
 
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Druckend Verlag der G. D. Brühl'schen Buch7 und Steindruckerei in Gießen.

Noch ein Wort über das Sängerfest des Lahnbnndes in Gießen.

Ein Zeuge des verschiedenartigsten Eindruckes, den der Artikel in Nr. 67 des Gießener Anzeigcblatis das Sängerfest des Lahnbundeö in Gie- 6en," hervorgerufen, erlaube ich mir em Wort m dieser die gute Mehrzahl der Einwohner Gießens gewiß interesst'rendcn Sache.

Wenn auch der Eifer, womit der verehrt. Herr Verfasser dieses Artikels sich der Sache des Sänger­festes annimmt, alle Anerkennung verdient, so kann ich doch nicht umhin, den beschränkten Gesichtspunkt, von dem aus er der Nealisirung des wichtigen siro- jekts wohl zu zweifeln veranlaßt ist, frei und frank zu rügen. Denn er muß in der That den echten Bürqersinn der wackeren Gießner durchaus mcht kennen, wenn er zweifelt, daß ihre Stadt der Sitz der Gastlichkeit sch, er muß unfern Staatödienern zutrauen, noch so bezopft zu seyn, daß ste eine der großartigsten Erscheinungen in der Sittengeschichte des Menschengeschlechts, den Stolz unseres Jahrhunderts, das deutsche Institut der Sängerfeste, nicht begrif­fen haben und für sie begeistert sind. Fürwahr un­erklärlich scheint es mir, wie in unsrer Stadt, dem Ccntralpunkte der Bildung unsres Landes , die so wackere Kämpen für die Wahrheit und das Schone in sich schließt, die auch namentlich in letzter Zeit so schlagende Beweise ihres Gemeinsinns geliefert hat, wie in einer solchen eine Stimme laut werden kann, die zur Theilnahme an einem Feste, das nirgend anderswo so eigentlich zweckgcmäß angcordnct werden kann, durch Worte, wieBlamage, Schande, Pfui, anspornen zu müssen glaubt!

Daß ein allgemeines Interesse an dem Hefte ge­nommen werde, liegt vorerst in den Händen der Gesangvereine^ die nicht erst abzuwarten haben, bis der Gemeinderath dasselbe unter seine Protektion nimmt, der wenn er auch voraussichtlich das schöne Fest nach Kräften unterstützen wird, doch durchaus nicht die Leitung desselben wird übernehmen können. Die Gesangvereine sind, welche die Abhaltung des Festes in Gießen beschlossen, sie haben es zu unter-

nehmen. Auch die erwähnte Vorstandssitzung scheint uns weniger zweckdienlich, als eine allgemeine Ver­sammlung aller Mitglieder der Gesangvereine, worin Jeder sein Scherflein zum Baue des großen Ganzen zu geben Gelegenheit hat, und die schwerlich ebenso ohne Resultat sepn möchte, wie die Bcrathung Gm- zelner, die ja möglicherweise, wenn sie auch die tüchtigsten Vorstände sind, sich doch zur weit fchchfe- rigeren Anordnung eines Volksfestes nicht guaustcrren könnten. ,

Daß das vorgeschlagene Concert der drei ver­einigten Sängerchöre sich einer allgemeinen Theil­nahme des Gießner Publikums würde ju erfreuen haben, leidet keinen Zweifel, besonders da hier einem Jeden, der sich an der Zustaudebringung des Festes durch Annahme von Aktien nicht bctheiligen kann< oder will, die beste Gelegenheit gegeben würde, Etwas für dasselbe zu thun. Denn es wird kein Fest der Gesangvereine, sondern ein Volksfest werden, und Jeder muß dazu ^beitragen. Drum frisch, ihr Ge­sangvereine! Laßt eure Lieder erschallen und zwingt diejenigen, die euer Vorhaben noch mit trübem Ge­sichte anschauen, zur Begeisterung dafür! Handelt. Nur an euch liegt es, die günstigen Umstande zu benutzen, um euch den Ruhm eineö wohl begonnenen und zweckmäßig durchgeführten Liederscstes zu gründen.

O*)

Feuilleton.

AlZ in einer Gesellschaft von einem gewissen Depu- tirten gesprochen wurde, welcher sich auf dem Landtage nur durch eine nickende Kopfbewegung bemerkbar ge­macht, übrigens durch ein tiefes Stillschweigen den Gang der Verhandlungen in keiner Weise unterbrochen und so mindestens zur Abkürzung der t h e u r e n und kostbaren Zeit der Kammersitzungen das Seine redlich beigetragen hatte, bemerkte ein Anwesender: Das aber i st eben sein Hauptkunst- stück, daß er alle Tage fünf Gulden fressen kann, ohne sein Maul auf- z u t h u n."

Als es sich vergangenen Winter bei den Verhand­lungen in der hessischen Deputirten-Kammcr zu Darm­stadt um Abschaffung der in Rheinhessen üblichen Civilehe handelte, sagte ein Oestreicher in Mainz: Nu jetzt wird's gut, jetzt dürfen jo olle Civilisten nit mehr heirothen, do kann sich das Militär freuen.

Anagramm.

Mit o ist's eine der privilegirten Sünden, Mit e ist's in Werthers Leiden zu finden-

*) Ihrem gefälligen Anerbieten sehen wir dankbar entgegen.

Ehre werden kann, mit dem, dem die Bildung des Soldaten, die Verwaltung des Landes, das Ab- wägen des Rechts, mit jedem, für den bis jetzt aus­schließlich äußere Ehre besonders und allein in An­spruch genommen wurde.

Der Staat übe das ihm zustebende Recht, kräftig und geradezu da einzuwirken, wo ohne solch ein Einschreiten nicht allein kein Gedeihen für,das Gc- werbewescn, sondern auch überall in dem Bi'nger- thum kein Heil seyn wird.--

(Wird fortgesetzt.)