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thnrm mit Anwandlungen von Wahnsinn kämpfte und die CommerzienrätbiN, von dem ne betroffenen Schicksal angegriffen, an einem hitzigen Fieber darniederlag, das ihr Auskommen bezweifeln ließ. Auch Rosaliens Geist wurde durch dieß Alles zu sehr darniedergcbeugt, als daß sie sich trotz dem' ihr winkenden Lichtschimmer von einem Glück in Bezug auf Werner hätte aufrecht erhalten können! Denn wenn zu viel Bitteres auf einmal auf den Menschen einstürmt, dann wird sein Blick so verdüstert, daß er selbst an einer winkenden sicheren guten Aussicht verzweifelt. Dann kommen die Zweifel als dunkelschwarze Wolken, und wälzen sich mit solcher Macht vor die schon ausgehende Sonne, daß man lauter Nacht sieht, wohin man nur blickt, und an kein Glück mehr glaubt.
Werner war schon seit acht Tagen fort und hatte noch nicht geschrieben. Rosalie dachte: auf der Reise mit dem jungen Fürsten wird er viele schöne und reiche Damen sehen, und Dich vielleicht schon in diesem Augenblick ganz vergessen haben — sie saß in tiefster Schwermuth an dem Krankenbette ihrer Mutter, als auf einmal Rosenfeld erschien, und vor' ihr auf die Kniec niedersank.
Rosalie war nicht zu einer Theaterscene aufgelegt, ja, sie glaubte sogar, daß Rosenfeld mit ihrem Unglück nur noch Hohn treiben wolle. Aber als jetzt auch Caroline, ihre innigste Freundin, eintrat und sagte: „Rosenfeld wollte mit Dir allein sprechen; ich sollte fern bleiben, aber ich kann dießmal Rosenfeld nicht gehorchen, ich muß nothwendig Zeugin des Schrittes seyn, zu dem 'ich ihn vermochte," da wurde Rosalie aufmerksam.
„Verzeihung, o Verzeihung, himmlisches Wesen, dessen Gunst ich für ewig verscherzt habe!" rief Rosenfeld aus. „In einer unseligen Stimmung schrieb ich jenen Brief, in dem ich Dir Lebewohl sagte. Ich bin allerdings leichtsinnig, aber wahrhaftig nicht schlecht. Es wirft mich von dem Guten zum Bösen umher, doch das gute Element siegt immer. Deine Liebe, edle Rosalie, kann ich nie erwerben. Ich gestehe, ich speculirte auf Dich um Deines Reichthums willen — deßhalb bin ich Deiner unwürdig. Aber damit Du mich nicht ganz verachtest und den Verworfenen beige- scllst, will ich wenigstens eine Pflicht erfüllen, die ich Dir und den Deinen schuldig bin. Ich war in Baden-Baden und in Wiesbaden, spielte an beiden Orten glücklich und gewann die Summe von 300,000 Th «lern. Meine Caroline, mit der ich mich wieder vereinigt habe, und -ich bieten Dir davon die Hälfte. Ich habe Carolinen geschworen, nie wieder zu spielen, und werde es halten ; denn es bleibt uns nach Bezahlung meiner Schulden immer noch genug, um sorgenlos zu leben. Dein Vater muß augenblicklich frei werden! Eile zu ihm und bringe ihn zu uns; dann wird sich das Weitere finden!"
Rosalien erschütterte Rosenftkd's Anerbieten. Leider war aber mit der offerirten Summe noch nicht gehol- » fen. Uebrigens sträubte sich etwas in Rosalien gegen den gemachten Antrag — sie wollte einem ihr untreu gewordenen Liebhaber nicht gern die Rettung verdanken. Auch war die Untersuchung noch nicht zu Ende, und der kalte Villani würde jenes ihr dargebotene Geld sogleich eingestrichen haben, ohne daß sich in ihrer Lage etwas geändert hätte.
Sie machte besonders auf den letzteren Umstand aufmerksam, und bat daher Rosenfeld. und Carolinen, vor der Hand nichts für sie zu lhun. Beide drangen jedoch in sie, wenigstens die 12,000 Thaler anzunehmen , die Harder dem Lieutenant von Rosenfeld geschenkt hatte. Rosalie ließ sich dazu bewegen, unter der Bedingung, den Wechsel auf diese Summe sogleich morgen früh an Villani abzugcben.
Am nächsten Vormittage eilte sie mit dem Wechsel auf die 12,000 Thaler zu Villani. Nachdem sie ihm erklärt, woher das Geld komme, bat sie ihn, die Summe anzunehmen. Villani wurde jedoch durch Rosaliens Rechtlichkeit und Edelmuth so gerührt, daß er ihr die Summe als Mitgift zu ihrer einstigen Verheirathung schenkte, und ihr außerdem versprach , jetzt die weitere Untersuchung aufzuheben. Ihr Vater sollte noch heute aus dem Schuldthurm freigelassen werden.
Dieß geschah; Villani begnügte sich mit der aus den beiden Häusern und sonstigem Besitz Harder's erlösten Summe und reiste am nächsten Tage ab.
Der Commerzienrath Harder sah ganz verstört aus, als er aus dem Gefängniß zu den Seinen zurückkehrte; ans dem stolzen, kräftigen Manne war ein bleicher Schatten geworden. Von den 12,000 Thalern wurde nur so viel genommen, als hinreichte, um sich ganz einfach aber etwas anständiger einzurichtcn. Die Har- der'sche Familie verlebte allerdings trübe Tage, doch ging es mit der Commcrzienräthin nach und nach etwas besser.
Rosalie hatte den geliebten Werner von Allem benachrichtigt, was vorgefallen war. Es erfolgten darauf die zärtlichsten Antworten, die gewöhnlich durch Werner's Mutter heimlich überbracht ^wurden.
Als endlich die sechs Wochen vorüber waren, erschien eines Tages mit der Mutter Werner selbst, Harder's erstaunten über seinen Besuch. Rosaliens Entzücken war grenzenlos. Er hielt sogleich um ihre Hand an. Die Eltern erwiederten, wenn er glaube, mit Rosalien glücklich zu werden, so wollten sie jetzt keine weiteren Hindernisse machen.
'Erst nachdem das Paar von Rosaliens Eltern und von Werner's Mutter den Segen empfangen hatte, machte Werner Harders die Mittheilung, daß er von dem Kronprinzen zum Hofrath ernannt worden sev. Uebrigens habe er aus der Reise in geeigneten Stunden Gelegenheit genommen, dem Kronprinzen nicht


