Ausgabe 
27.11.1847
 
Einzelbild herunterladen

742

Unterhaltendes nnd Gemeinnütziges.

Der Informator.

Novelle.

(Fortsetzung und Schluß.)

Nur doppelt werde ich Dich dann lieben," erwie- derte Werner, sic von neuem umschlingend, und ihre Stirne, Wangen und Lippen mit glühenden Küssen bedeckend.Nur um Deine Liebe bin ich noch in Zweifel; Du gingst mit Villani so vertraulich allein."

Aber unsere Unterhaltung war gezwungen und kalt," versetzte Rosalie.

Du hast Recht. Ich habe Dich hier belauscht und bin auch im Garten nachgeschlichen. Er bot Dir nicht einmal seinen Arm."

Also kannst Du völlig ruhig sehn."

Nun, so höre denn, liebe Rosalie. Ich habe mich heimlich hieher geschlichen, um Dir eine ange­nehme Nachricht zu bringen. Kaum hatte ich meinen neuen Posten in D als Hauslehrer bei dem Grafen von W angetreten, als der Kronprinz auf dem gräflichen, bei der Residenz gelegenen Schlosse einen Besuch abstattcte. Er belauschte mein Clavierspiel, wo ich eben allein im Zimmer saß, und mich, Deiner ge­denkend, in melancholische Phantasieen ergoß. Der Kronprinz ist leidenschaftlicher Musikfreund. Er störte mich nicht. Erst als ich geschlossen hatte, trat er in das Zimmer, unterhielt sich lange mit mir, und ernannte mich endlich zu seinem Secretair.

Rosalie hüpfte und sprang vor Freude über diese Mittheilung.Du begreifst aber wohl," fuhr Werner fort,daß es vor der Hand nicht gerathen ist, sogleich mit unserer Liebesaugelegenheit hervorzutreten, und zwar um so weniger, als ich schon übermorgen den Kronprinzen auf einer Reise nach Italien zu begleiten habe, von welcher wir jedoch schon nach sechs Wochen zurückkehren werden. Um Dir für diese Zeit Lebewohl zu sagen, und meine gute Mutter hinlänglich mit Geld zu versehen, reiste ich nach L. Aber jetzt muß ich schleunigst mit dem in einer halben Stunde abgehenden Eilwagen nach D zurück. Noch eins. Es wäre mir lieb, wenn Du auch gegen Deine Eltern vor der Hand ganz von mir schwiegest. Also lebe wohl und bleib' mir treu!"

Noch ein langer, langer Kuß, und Werner war durch eine Hinterkhüre deS Gartens entschwunden.

Die Glocke schlug bereits elf Uhr. Ein Theil der Gesellschaft hatte sich schon entfernt. Auch Billani brach auf. Harder begleitete chn an seinen Wagen.

Ist auch Alles int Reinen?" fragte Villani nochmals.

Gewiß," versetzte Harder mit erzwungenem ruhigen, sichern Tone.Ich erwarte Sie morgen Vormittag um neun Uhr."

Als sich Villani am nächsten Morgen zu der vor- habende» Abrechnung in des Eommerzienraths Hause einfand, war Harder verschwunden. Man wartete auf ihn eine halbe eine ganze zwei drei Stunden er zeigte sich nicht, und Niemand von dem ganzen Personal konnte über ihn Auskunft geben.

Die Eommcrzienräthin und Rosalie schwammen in Thränen. Villani sprach von faulen Fischen, Betrug und wurde immer heftiger. Endlich schickte er nach den Gerichten. Die Gerichtspersoneu trafen sogleich Anstalt, um den wahrscheinlich flüchtig gewordenen Harder cinzubringen, doch wurde ihnen die Mühe er­spart, da sich der Gesuchte in einem Zustande völliger Kopflosigkeit und Zerrüttung noch am Abend desselben Tages selbst stellte. Da Villani Eile hatte, so wurde die Untersuchung von Harder's Verhältnissen schon am folgenden Morgen vorgenommen. Es ergab sich ein Deficit von einer halben Million.

Harder mußte jetzt in den Schuldthurm wandern. Villani sah sich genötbigt, seinen Aufenthalt in L zu verlängern. Rosalie that vor ihm einen Fußfall, doch vergebens. Villani äußerte, er würde milder verfahren seyn, wenn man ihm sogleich Alles entdeckt Hütte, aber jetzt sey er aufgebracht darüber, daß man ihn habe düpiren wollen und werde nun die unerbitt­lichste Strenge anwenden, um, so weit es möglich sey, zu seinem Recht zu gelangen.

Schon nach acht Tagen wurden Harder's beide Häuser und Garten zum Verkauf ausgeschrieben. Sie fanden bald Liebhaber. Darauf folgte die Auktion, in welcher Eommerzienraths sämmtliches Besitzthum an Mobiliar, Pretiosen, Gemälden, Wäsche und Kleidung versteigert wurde.

Und so sahen sich denn Eommerzienraths mit einem- male wirklich an den Bettelstab gebracht. Wie viele Leute gab es jetzt, die Harder's ihr Schicksal gönnten und über die Gefallenen triumphirten, wie viele, die ihnen ihren übermäßigen Aufwand zum Verbrechen machten und nicht satt werden konnten, mit höhnischer Schadenfreude über sie loszuziehen! Aber doch fanden sich auch Andere, die, eingedenk der vielen Wohltbaten, welche Harder's so manchem Hülfsbedürftigen und Ar­men erzeigt, ste zu trösten und ihnen durch diese oder jene Gabe ihr trauriges Schicksal zu erleichtern suchten. Es war in der That rührend, wie selbst wenig be­mittelte Leute, die durch Harder's vom Untergang er­rettet worden waren, den nicht helfenden Reichen gegenüber kleinere oder nach ihren Verhältnissen größere Opfer brachten, um sich der Harder'schen Familie dankbar zu bezeigen.

Villani, über seinen Verlust und die widerwärtige Verzögerung seines Aufenthaltes erbost, war kalt wie Stein und Marmor, während Harder in dem Schuld-