667
Freunde eine Summe von 4000 Thalern anvertraut worden war, um sie morgen einem Handlungshaug der Stadt zu übergeben. Ein leidenschaftlicher Spieler, hatte er der Lockung nicht widerstehen können, eine Rolle Dukaten von jenem Geldc zu sich zu stecken, in der Hoffnung auf reichen Gewinn. Ehe er sich aber in das Spielzimmer begab durchflog er einmal die beiden großen Säle, wo für tausend Personen Raum genug zum. Speisen vorhanden war. Mit Mühe fand er eine leere Stelle an dem einen Ende der großen Tafel, woselbst sich einige seiner Freunde aufgepflanzt hatten, und eine Flasche alten Rüdesheimer und einige aus der kolossalen Speisekarte ausgewählte Leckerbissen versetzten ihn im Kreise seiner Bekannten -- bald in die heiterste Weinlaune.
Da traf ihn auf einmal der bekannte Blick eines nicht weit von ihm entfernten Mädchens und störte ihn auf einen Augenblick in seinem muthwilligen Zecherfrohstnn. War es ja auch Caroline, die reizende Tochter des verdienstvollen aber armen Majors von Bergheim, mit welcher er früher verlobt gewesen und die er schändlicher Weise verlaffen und der Tochter des Leichen Commerzienraths Harder aufgeopfert hatte, weil Geld die einzige Triebfeder seiner Heirathsspecu- lationen war, Caroline nichts, dagegen Harders Rosalie im Ueberfluß besaß. So unangenehm ihm dieser Anblick im Augenblick war, so sehr schmerzte ihn die Bemerkung, daß Caroline neben einem jungen Mann saß und sich sehr vertraulich mit ihm unterhielt. Denn da er Caroline von jeher mehr geliebt hatte, als Rosalien, so befiel ihn eine ganz natürliche Anwandlung von Eifersucht, die er nur mühsam unterdrückte. Er mußte sich im Stillen Vorwürfe machen, daß er sehr unrecht gehandelt habe, Fräulein von Bergheim zu verlassen und beschwichtigte sein Gewissen mit; dein freilich sehr plau- sibeln Grunde, daß er mit Carolinen bei ihrer beiderseitigen Armuth und seinen vielen drückenden Schulden ja doch nicht glücklich geworden wäre.
Caroline war heute wunderschön. So schön, so reizend hatte er sie noch nie gesehen, und es kostete ihn viele Mühe, die Vergangenheit durch die Hoffnung » auf eine goldene Zukunft zu vergessen. In dieser peinlichen Lage, in der sich Gefühl und Gedanken um die Herrschaft stritten, fielen ihm plötzlich seine Goldstücke und der Zweck seines Hierseyns ein, und rasch gings nun eine Treppe höher hinauf, durch mehrere spärlich erleuchtete Gänge nach dem Spielzimmer. Der Eintritt in ein derartiges unheimliches Gemach hat, wenn man aus lebhafter Gesellschaft kommt, immer etwas Unheimliches und Beklemmendes. Auch ihn wandelte ein derartiges Gefühl an und schon schwankte k er noch mit dem Entschlüsse, ob er nicht lieber wieder hinausgehen sollte. Da traf eben eine Karte mit 100 Dukaten, gerade dieselbe, die er aus dem Pointirbuch gezogen hatte um mit ihr den Anfang zu machen. Er
zog eine andere und setzte. Sie gewann, und so die dritte, vierte und fünfte. Darauf fehlte er ein paarmal, kam dann aber wieder in's Treffen, eine Abwechslung der Chance, welche für den Spieler den höchsten Reiz, den größten Genuß bildet. Jetzt bog er paroli, six-' douze- und vingt-quatre- Ieva, und — traf.
Schon hatte er einen recht hübschen Haufen Dukaten beisammen, als stch auf einmal sein Glück änderte. Ungeduldig werdend, suchte er es nun zu forcircn, aber es entfloh ihm und sein Geld flog im Galopp fort. Es dauerte nicht lange, so war seine ganze, wider Wissen des Eigenthümers erborgte Rolle Dukaten verspielt.
In der Aufregung rannte er nach Hause, und holte eine zweite Rolle. Diese hatte dasselbe Schicksal, wie die erste. In noch größere Bewegung versetzt, stürzte er abermals nach Hause und steckte jetzt den ganzen Rest des ihm anvertrauten Geldes zu flch. Er mußte ja seinen Verlust wieder hereinbringen. Tollkühn rief er bet seinem Wiedererscheinen: „Va banque!“ und setzte auf die Dame.
Alles lauschte athemlos. Der Abzug begann: L’as et valet — sept et huit — neuf et roi __
la dame et dix —
»Die Dame hat verloren!" sagte der Bankier mit gewohnter Gleichgültigkeit und strich mit kalter Ruhe die blanken Goldstücke ein. Todtenbleich und besinnungslos wankte Rosenfeld aus dem Zimmer. Spieler haben mit Trunkenen das Eigene, daß beide sich ihren Zustand nicht anmMen lassen wollen, obwohl immer ohne Erfolg.
Als sich der unglückliche Spieler auf der Straße befand, schlug er flch mit der geballten Faust vor die Stirne. Fast ohne Bewußtseyn wankte er in der Nacht zum Thor hinaus. Einen schneidenden Contrast zu seiner gräßlichen Stimmung bildete der Helle, klare Himmel, an dem der Mond mit unwandelbarer Ruhe strahlte. Er wollte beten, aber sein Gemüth war zu irdisch, um sich zu Gott erheben zu können. Tausend wilde Gedanken durchrasten sein Gehirn. Wenn er morgen die 4000 Thaler nicht ablieferte, so stand er ehrlos da, und doch sah er keine Möglichkeit, eine solche Summe in so kurzer Zeit herbeizuschaffen. Mehrmals umschwebte mit grauenhaften Gespensterklauen der Gedanke an Selbstmord seine Seele und nur die nahe Aussicht auf die reiche Heirath hielt ihn von diesem Schritte zurück. Einigemal dachte er sogar daran, Rosalien Alles zu entdecken; allein sein Vcrhält- uiß zu ihr war noch zu neu und zu delikat, und er war ohnehin wegen seiner Schulden schon mehrmals bei ihr verläumdet worden, als daß er es hätte wagen können. Wer aber sollte ihm helfen? Alle seine nächsten und nahen, ja selbst entferntere Bekannte hatte er schon längst in Anspruch genommen, und 4000 Thaler? (Sortf. folgt.)


