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hinan. Der Commerzienrath war gerade unten im Comptoir; man bat ihn, einstweilen einzutreten, man wolle den Gebieter indessen zu rufen gehen.
Als er die Thür öffnete', sah er sich in einen wahren Gemäldesaal versetzt. An den Wänden des geräumigen, saalgleichen Zimmers prangten eine Menge der auserlesensten Bilder auS allen Schulen. 9(uf beiden Seiten schlossen sich dem Saale zwei Reihen von andern, Zimmern mit offenen, ineinandergehenven Thüren an. Schüchtern und verblüfft von all' dem Glanze blieb er bei seinem Eintritt stehen und betrachtete die Herrlichkeiten, als sich auf einmal daS Zimmer zur rechten Hauv öffnete und ein Mädchen hereintrat, deren Anblick ihn plötzlich aus aller kaum errungenen Fassung brachte.
„Sie wollen zu meinem Vater?" fragte sie. „Er wird sogleich erscheinen."
Das waren allerdings ganz gewöhnliche Worte. Aber der Ton, die Melodie, mit welcher sie gesprochen wurden, versetzten Werner in ein Verzückeu, das ihn nicht zu Worte ^kommen ließ.
„Sind sie vielleicht Herr Werner?" fragte sie weiter.
„Zu dienen, mein Fräulein," stotterte verlegen Werner.
„Wir haben so viel Gutes von ihnen gehört," fuhr sie fort, „daß es den Vater gewiß recht freuen wird, Ihre Bekanntschaft zu machen. Es wollte uns bis jetzt nickt recht glücken, einen Informator zu finden, der mjt tüchtigen Kenntnissen so viele schätzbare andere Eigenschaften verbände, wie wir dieß von Ihnen..."
Der Vater erschien und unterbrach das Mädchen. Auf dem Antlitze des Commcrzienraths, eines langen, Hagern Mannes, lagen Stolz und Kälte in zurückschreckendem Bunde zusammengesellt, ein Eindruck, dex den guten Werner auf den ersten Augenblick wenig zurückschreckte. Auch seine Worte hatten eine gewisse Gemessenheit, durch welche sich Werner genirt fühlte.
„Sic sind mir von meinem Freund Hellmuth als Hauslehrer empfohlen," sagte er. „Haben sie aber auch Neigung zu diesem Berufe?"
„Warunr nicht?" versetzte Werner bescheiden, auf den Rosalie, das reizende Kind, einen zu angenehmen Eindruck gemacht hatte, um die Stelle nicht unter jeder Bedingung anzunebmen. „Wenn Ihnen meine geringen Kräfte genügen, werde ich Mich sehr glücklich schätzen, Ihr geneigtes, ehrendes Zutrauen nach bestem Willen und Genüssen zu rechtfertigen."
Harder theilte ihm nun das Weitere über seine Obliegenheiten mit, und äußerte den Wunsch, Werner möchte die Stelle möglichst bald antreten. Das war es gerade, was der bescheidene Informator gewollt hatte, und mit der größten Bereitwilligkeit erklärte er jeden Tag, jede Stunde ihm genehm.
„Nun gut, so kommen Sic denn morgen!" versetzte der Commerzienrath. „Apropos, nicht wahr, Sie sind auch musikalisch?"
In diesem Augenblicke ließen sich im Nebenzimmer die Töne eines Pianofortcs hören.
„Ein wenig," versetzte Werner, „ich lernte zwar schon seit meinem sechsten Jahre Clavierspielen, doch hab- ich die Musik immer nur als Nebensache betreiben können."
Während dieser Worte ertönten einige nichtssagende Läufer über das ganze Clavier hinweg, die zwar von einer gewissen technischen Fertigkeit, aber von wenig Geschmack und Gefühl des Spielenden zeugten.
„Cs ist mein Carl," sagte Harder, als er bemerkte, daß Merner lauschte. „Lassen Sie uns doch einmal näher treten! Er hat gewandte Finger und spielt leichte Sachen schon vom Blatt, aber ich weiß selber nicht, was dem Jungen fehlt. Sein Spiel will mir nicht recht behagen."
Als sie in das Nebenzimmer traten, fiel Werncr's Auge sogleich auf einen Spiegel; dieser zeigte ihm einen Anblick, vor dem er gewissermaßen erschrack. Er sah nämlich die schöne Rosalie mit einem jungen Offizier in einer Fensterbrüstung des folgenden Zimmers stehen. Die beiden Verlobten schienen in eine vertrauliche Unterhaltung vertieft.
Eine kleine Regung der Eifersucht bemeisterte sich in diesem Augenblicke seiner Seele, allein er war zu sehr Philosoph, um diese Bewegung seines Innern Herr über sich werden zu lassen, und that deshalb, wie wenn er nichts bemerkte und dem Spiele des Knaben mit Aufmerksamkeit zuhörte. Harder bat darauf Werner, einmal selbst Etwas zu spiele». Der Candivat spielte ganz einfach, aber mit so viel Ausdruck, daß das Liebespaar näher trat.
„Delieiös!" sagte der Lieutenant.
„Süperbe!" der Commerzienrath. „Sie haben gerade das, was dem jungen Schüler hier fehlt."
„So möchte ich auch spielen können!" wünschte Rosalie.
„Jetzt freut mich's doppelt, Sic gewonnen zu habensagte Harder. „Ich entdecke immer mehr schöne Eigenschaften in Ihnen und bitte Sie, doch ja morgen schon in mein Haus einzuziehcn."
Werner verbeugte sich tief über das halb gefühlte, halb mit gütiger Herablassung ausgesprochene Compliment und beurlaubte sich für heute.
3.
Durch die Messe ward Leipzig in eine Weltstadt umgewandelt. Leute von allen Nationen drängten sich in buntester Menge durch die Straßen. Das Hotel de Paris bildete Abends den Hauptsammelplatz der Fremden.
Dorthin wandte sich auch Lieutenant von Rosenfeld, Rosaliens erklärter Bräutigam, dem hcute von einem


