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neu Haushaltes decken zu können, dazu ist ja auch das Borgen und Schuldigbleiben gut.
Betrübend ist es, daß es noch immer wahr ist, daß eine Mutter wohl sieben Kinder unterhalten kann, aber diese nicht eine Mutter ernähren können.
Unsere Kirchen und Sonntagsschulen stehen leer, während in den Schenken es an Stühlen für die Gäste fehlt. Tabak, Bier und Branntwein, so wie das damit eng verbundene Wirthshausleben sind aber so zinN Bedürfniß geworden, daß wegen Befriedigung desselben Scham und Ehrgefühl bei Seite gesetzt werden und Frau und Kinder Noth leiden müssen. Denn cs ist nicht der Groschen und mehr, der tagtäglich darauf geht, sondern die kostbare Zeit zum Verdienen wird vergeudet und die Lust zur Arbeit schwindet mehr und mehr; es wird schlecht gearbeitet und darum ist am Ende keine Arbeit mehr zu bekommen.
Mit dem Wünsche, daß diese wohlmeinenden Worte nicht ganz nutzlos seyü weiden, fordern wir alle Hausgenossen, Lehrherrcn, Meister und Eltern dringend auf, ihre Untergebenen zur Häuslichkeit und Sparsamkeit mit Liebe und Ernst anzuhalten, und so der Armuth einen festen Damm entgegen zu setzen.*)
Feuilletons
Dem Doktor und Apotheker W. Keller zu Berlin ist es nunmehr, nachdem von mehreren Andern bereits mit unbefriedigendem Erfolge die Erzeugung eines guten Bieres aus Kartoffeln versucht worden, gelungen, verschiedene Biersorten aus dieser Frucht herzustellen, als z. B. Lagerbier von der Würze und Stärke der englischen, Weiß-, Braun- und Bitter-Bier von der besten bayerischen. Die Kosten sollen ungefähr die Hälfte der auS Malz gebrauten betragen. Diese Viere werden nur aus Kartoffeln und einem geringen Zusatz von Malzstoff bereitet und bestehen in mehr oder weniger verdünntem Zustande aus Gummi, Zucker, Alkohol, Kohlensäure und Hopfcnertract, und wird der Klebergehalt im Malze als stickstoffhaltiger nahrungsfähiger Körper durch den Einweichstoff in der Kartoffel vollständig ersetzt. Die Kartoffelbierc sind also, selbst in Betracht der nährenden Bestandiheile, den besten Malzbieren gleich zu achten. Bestellungen auf diese Biere in Fässern werden Adlerstraßc Nr. 5 in Berlin angenommen. Man verspricht sich von dieser neuen Erfindung die Unterdrückung des Branntweins.
*). Wir erlauben uns um Mittheilung von gemeinnützigen, landwirthschaftlichen und praktischen Aufsätzen über die gesellschaftlichen Zustände, so wie von unterhaltendem und belehrendem Inhalte zur nützlichen Verbreitung durchs Anzeigeblatt zu bitten. Aufsätze dieser Art können in der ehemals Heyer'- schen Buchdruckerei, Weidengasse Lit. B Nr. 79'/-, abgegeben werden. Die Redaction.
(Schädlichkeit des Heißessens.) Ein englischer Arzt hat ein Werk in London herausgegeben: „Die Schädlichkeit des Heißessens" betitelt, worin er durch eine Menge von Beispielen zu beweisen sucht, daß die meisten Krankheiten der Menschen durch den Genuß der heißen Speisen herbeigeführt werden. Unter anderm heißt es in dieser Brochüre: „Die Thiere genießen sämmtlich kalte Nahrung, und sie bleiben im Naturzustände durchaus gesund. Der Mensch allein genießt rauchend heiße Speisen, als wenn er sich dadurch in die Klaffe der bösen Geister zählen wollte, welche das ewige Feuer ihrer Wohnungen auf der Oberwelt nicht vermissen können. Hütte der Schöpfer den Menschen zur Erhaltung ihrer Kvrpermaschine heiße Kost angewiesen, so würde die Lava als wohlschmeckender Brei aus den Eingeweide,! der Erde strömen, und die Baum- und Gartenfrüchte würden als feurige Kohlen dem Hungrigen entgegenlachen." Wir haben der Kochkunst keine Fehde geschworen, sie ist für Gaumen und Magen eine höchst ersprießliche Erfindung, aber der Mensch ahme nicht die heißhungerige Katze nach, welche das Fleisch aus dem Topfe zieht und es unter furchtbaren Qualen verschlingt.
Was lieben die Frauen am meisten?
In einem Männerzirkel warf man die Frage auf, „Was liebt die Frau am höchsten in ihrem Lebenslauf?" Der Eine sagt, das Putzen, der And're meint, den Mann;
Der Dritte glaubt, das Tanzen, der Viert', die Kaf- feekann,
Der Fünfte gar, das Schielen; der Sechst', das Rai- sonniren!
Doch wollte keine Meinung zu einem Einklang führen. Ein alter Mann, der dieß alles mit anhörte, Mit einem schlauen Lächeln sich zu den Streitern kehrte:
„Was jeder hier behauptet," so sprach er, „meine Herr'n
Das liebt wohl jedes Weib und thut's von Herzen g-rn;
Doch was ihr höher gilt, als selbst das Raisonniren, Es ist — der Frauen halt' ich vier, — es ist das Commandiren."
Und Jeder sprach betroffen: „Der hat's getroffen."
Ein östereichischer Landjunkcr ging aus die Jagd. Sein Begleiter schoß einen großen Adler. Neugierig eilte Jener hinzu uud fragte: „Was ist das für ein Thier?" — Antwort: „Ein Adler." — „I bewahre, a hat ja nur einen Kopf." — „Haltens zu ©naben' er ist wahrscheinlich aus dem Preußischen herüber gekommen."
Drück und Verlast der G. D. Brühl 'schm Buch - und Steindruckerei in Gießen.


