369
nähere Auskunft gegeben, so konnte man nm so weniger an der Wahrheit seiner Aussage zweifeln.
Auch der Rückfall der Krankheit wurde von Bär glücklich überstanden, und bei seiner von Natur starken und kräftigen Constitution ging seine weitere Genesung, wenn auch nicht gerade schnell doch sicher von Statten. Genug, nach einem Vierteljahre war Bär fast völlig hergestellt. Um ihn zu schonen, hatte man das gerichtliche Verfahren bis zu diesem Zeitpunkt aufgeschoben. Jetzt aber wurde die Criminaluntcrsuchung vorgenommen.
Man stellte Bär und den Jäger Seybold einander gegenüber, und verlas die Anschuldigung B ä r' s, worauf man diese von ihm bestätigen ließ. Darauf wurde Seybold gefragt, ob er, wirklich den Gast- wirthssohn Bär aus Stuttgart habe erschießen wolle». Seybold, Son Natur ein guter und gewissenhafter Mensch, den nur ein außerordentliches Verhältnis, seine Liebe zu Pauline», zu diesem verzweifelten Schritt getrieben hatte, gestand Alles ein, und bekannte sich als schuldig.
Und so kam es denn, daß Seybold nach Beendigung .des weiteren üblichen Gerichtsverfahrens zum Tode verurtheilt wurde.
Die „Rose von Eßlingen" hatte sich während dieser Zeit ans einer rothen in eine weiße verwandelt. Was sic gelitten, das schildert keine Sprache. Dahin war ihre Heiterkeit, ihr froher Scherz, ihr ganzer Zauber! Ihre Wangen waren eingefallen, ihre Augen glanzten von einem unheimlichen geisterhafte» Schim- mer — sie brütete still in sich hinein und wußte nicht was sie that.
An dem Tage vor Seybold's Enthauptung eilte sie heimlich nach dem Gefängnisse des Geliebten und beschwor den Schließer, sie nur einige Augenblicke hinetnzulasscn. Der harte Mann ließ sich endlich durch ihre Thränen, oder wohl mehr durch ein Goldstück, bewegen, ihr die Thüre zu öffnen.
Sie that einen lauten Schrei, als sic ihren Carl in Ketten erblickte, und sank ihm wie ohnmächtig in die Arme.
„So treffen wir uns wieder?" rief sie. aus, als sie wieder zum Bewußtseyn kam. „Ach, Carl mein Carl, wie soll ich das überleben!"
Seybol.d schloß das weinende Mädchen sanft in seinen Arm, streichelte ihr Haar und Wangen und preßte sic unter glühenden Küssen an sich, als wollte er nimmer von, ihr lassen!
„Du bist mein!" rief er aus. „Zwei treue Herzen kann keine Macht der Erde scheiden!"
Auch Pauline umschlang ihn mit wahnsinniger Gluth, da entschwand ihnen daß Bewußtseyn, und so schmolzen sie, in einen seligen Traum versunken, zusammen.
„Jetzt will ich gern sterben!" sagte Seybold.
„Und auch ich!" erwiederte Pauline. „Ich folge Dir morgen. Bald sind wir wieder vereint! Aber wo sollen wir uns treffen?"
„Komm' morgen Abend an jene Stelle des Neckar- ufers," versetzte Seybold — „Du weißt ja, dort wo wir so sciig weilten — dort sollst Du mich morgen finden! Willst Du?"
„Ja ich komme!" versetzte Pauline.
Der Gefängnißwärter mahnte zum Aufbruch. Noch ein Lebewohl — noch einen Kuß — und die Liebenden waren geschieden.
6.
Am folgenden Tage wogte schon in aller Frühe weit und breit aus der ganzen Umgegend eine unzählige Menschenmenge nach Eßlingens Thoren. Früh um 9 Uhr tönte das unheimliche Armensünderglöckchen, und nachdem der Stab über Seybold gebrochen war, setzte stch der unermeßliche Zug des Volkes nach der Richtstätte hinaus in Bewegung.
Seybold zeigte sich stark und gefaßt. Mit frommer Rührung nahm er die Zusprache der Geistlichen an. Als er das Schaffott bestiegen, bat er um die Erlaubnis, einige Worte zu der versammelten Menge sprechen zu dürfen. Man gewährte ihm dieß.
„Ich erkenne inich als schuldig," hob -er an; „doch kann ich mich nicht zu den gemeinen Verbrechern zählen und hoffe vor meinem Gott und Herrn Verzeihung zu finden. Hätten mich die Eltern nicht gewaltsam von der Geliebten getrennt, so wäre meine in halber Bewußtlosigkeit geschehene That gar nicht vorgefallen. Liebende zu scheiden führt oft zu großem Unglück! Bedenkt das, ihr Väter und Mütter, und laßt euch das Wohl eurer Kinder am Herzen liegen!
„Jetzt befehle ich dem Höchsten meine Seele! Kommt Meister Scharfrichter!"
Nachdem man Seybold die Augen verbunden, erhob Meister Urban das Schwert.
Nach einem Zuge fiel der Kopf vom Rumpfe, und das Schauspiel hatte ein Ende.
Wie die „Rose von Eßlingen" diesen Tag verlebte, kann sich-Jeder leicht denken. Von „verleben" war gar keine Rede; sie war eigentlich schon tobt. Zum Stadtgespräch geworden — die Zielscheibe aller bösen Zungen, wankte sic nur wie im Traume umher, unv raffte alle ihre Kraft zusammen, um sich von dem, was in ihrem Innern vorging, nichts merken zu lassen. Der S ch w a n e n war von Gästen überfüllt. Sie besorgte noch alle ihre Geschäfte in Haus und Küche den ganzen Tag über mechanisch mit gewohnter Pünktlichkeit.
Abends war in allen Gasthäusery und Wirthschaf- ten die Rede von der „Rose von Eßlingen". Seybold wurde allgemein bedauert und-mit Pauline» fühlten selbst ihre abgewiesenen Liebhaber Mitleid.


