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Glück wäre! Ja, Meister Cattier, der Astrolog, hat mir schon vor Jahren eine solche Deutung gegeben, ich entsinne mich gar wohl. Ich jagte einmal vor ein oder zwei Jahren in den lothringischen Wäldern und verirrte mich auf unbegreifliche Weise von meinen Begleitern. Wenig bekannt mit der Gegend, gerieth ich immer tiefer in den Wald und hatte schon die Hoffnung autgegeben, mich allein wieder herauszufinden, als ich plötzlich auf ein kleines, sorgsam gebautes Feld stieß, worauf ein Mann, in eine lange, braune Ein- siedlerkutte gehüllt, emsig arbeitete. Du kennst, Tristan, meine Ehrfurcht vor solchen frommen Männern. Ich nahte mich ihm gesenklen Hauptes und bat ihn um seinen Segen. Der Eremit sah mich lange durchdringend an und auch in mir stiegen seltsame Rückerinnerungen auf. Das Gesicht kam mir bekannt vor, und wie aus weiter Ferne stieg in mir das Gedächtniß einer hassenswerthen Vergangenheit auf. Der Eremit hob endlich sein Haupt und hüllte sich dichter in seine Kutte. „„Weiche von mir!"" rief er mit schauriger Stimme, „„es steigen zahllose Geister Erschlagener um Dich, Fremdling, auf; weiche von mir, ich habe keinen Theil an Dir."" Obgleich mir das Herz im Busen fast i“ Eis gefror und Entsetzen mein Haar sträubte, so behielt ich doch noch Faffung genug, um Worte zu finden. Ehrwürdiger Mann, sprach ich, wirf nicht den Stein der Verdammniß aus mich; Mancher mag durch mich sein Ende -gefunden haben, aber ich muß ihr Blut auf mich rufen und werde es dereinst vor dem Throne des Allwissenden verantworten. „„Glaubst Du,"" sprach der Eremit zurück, „„Du seyst mir unbekannt? In diese Zelle tritt Niemand, dessen' Schicksal nicht klar vor mir läge. Du bist Ludwig XL, König voij Frankreich, und es kostete mich nur einen Wink und Deine Laufbahn hätte ihr Ende erreicht. Aber in dem geheimen Buch des Schicksals steht es geschrieben, daß Du noch lange, lange leben sollst. Dein Geschick ist wunderbar mit dem eines Zweiten verknüpft/"' setzte er, wie von einem Gedanken plötzlich ergriffe», hinzu und eine überirdische Verklärung verbreitete sich über seine blaffen Gesichtszüge. „„Hand in Hand, Band um Band, gleiches Glück, gleich Geschick, so stehts in den Sternen geschrieben; hab Acht auf diese Worte!"" und der Klausner verschwand," setzte der König erschöpft hinzu; „ich aber stand noch lange wie vom Blitz über die wunderbare Erscheinung getroffen. Daun aber bestieg ich mein Pferd und jagte wie von allen Furien der Geisterwelt verfolgt, zum Wald hinaus, und der Weg, den ich früher vergeblich gesucht, war jetzt wie von selbst gefunden.
Als ich indeß am andern Morgen die Vertrautesten meiner Leute in den Wald sandte, den Klausner zu erforschen, da fanden sie nichts und Niemand vermochte mir zu sagen, wer der räthsclhafte Mann sey, und Niemand wußte in der öden Gegend etwas von einem Eremiten zu erzählen. In diesem Augenblick erst ward
mir Lösung des wunderbaren RäthselS, denn, hörst Du, Tristan, hörst Du, dieser Knabe zeigte mir j nen räthselhaften Spruch des Einsiedlers in seinem Amulet!"
Wir müssen uns in jenes Jahrhundert des Aberglaubens, der Gespensterfurcht zurückvenken; wir müssen ermessen, wie geneigt sich auch selbst die gebildetesten und gelehrtesten Männer den Einflüssen überirdischer Erscheinungen zei.ten; dann erklärt es sich von selbst, warum der König diese wunderbare Begebenheit für keinen Betrug hielt. Ludwig war es vor allen Anderen, der eine ehrfurchtsvolle Scheu vor dem Ueber- natürlichen, Seltsamen hegte. Er trieb noch jetzt, wo er dem Greisenalter nahte, eifrig Astronomie und ließ ttch willig von betrügerischen Spitzbuben ausplündern. Seine Leichtgläubigkeit benutzten noch mehr jene feilen Priester, die ihn stets umgaben. Das Gewissen, welches nie schlummert, niahnte ihn ernst und dringend an die Schuld, welche er dem Leben zu bezahlen hatte. Da warf er sich verzweifelnd der Religion in die Arme. Ans dem Tyrannen ward ein frömmelndes llngeheuer, das, Gott auf den Lippen, mit kaltem Blute mordete.
Tristan bemühte sich nicht, den König von seinem Wahnglauben loszureißen. Ein Blick in die Vergangenheit erfüllte ihn mit übermüthigem Stolz. Er hatte sich seinem Herrscher unentbehrlich gemacht, was konnte ihm dieser Knabe schaden? Ludwig war leicht beweglich, ein Funke des Mißtrauens in sein Inneres geschleudert, konnte zur Flamme aufloderit. Und hier täuschte sich Tristan. Der König zeigte in Allem, wie eng er sich dem neuen Günstling verbunden glaubte. Es war nicht die Rede mehr von der Gewalt des Herrschers, von dem Ansehen des gekrönten Hauptes. Vor dem Knaben schwand jede Schranke; Tristan bemerkte schon nach wenig Monden, daß der König um die Gunst seines Emporkömmlings zu buhlen schien. Und dieser selbst! Aus dem Dunkel seiner Wälder hatte er /inen feuerigen, empotstrebeNden Sinn mitgebracht. Die Lehrer, welche ibn am Hofe umgäben, sagten ihm nicht immer neue Dinge; denn nicht ohne Kenntniß war dieses Kind der Natur. „Sein Vater habe ihn Vieles gelehrt," antwortete er ost, und der König gerieth in großes Erstaunen. Glänzende Anlagen entwickelte der schlichte Knabe und was ihn vor Allem zierte, war jene beharrliche Bescheidenheit, welche er den Schmeicheleien des feilen Hofgeschmeißes entgegen letzte. Von seinem Einflüsse, den er auf den König übte, hatte er keine Ahnung, eben so wenig beachtete er den Unterschied der Stände. Er saß unter den Rittern und Pairs so unbefangen, als sey er Ihresgleichen. Als ihm der König später das wichtige Amt eines Geheimschreibers anvertraute, da bekannte er offen und frei seine Meinung und verhinderte manche ungerechte, strenge That.
So errang er sich die Gunst des Adels und des Volkes; wie ein guter Genius wacbte er über den König itnb ein milderer Geist schien sich herabzusenken


