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auf den strengen Herrscher von Frankreich. Der König hatte ihm, der sich nur als Ludwig kannte, den Na- ' men Pascal beigelegt.
3.
Nach dem Tode des mächtigen Herzogs von Burgund begann der König a([e Machinationen seiner falschen, hinterlistigen Politik zu entfalten. Das Jahr 1477 war in jeder Hinsicht eins der denkwürdigsten in der französischen Geschichte urib entwirft uns zugleich das treueste Bild des mittelalterlichen Treibens. Ver- rath, Arglist und Treubruch auf beiden Seiten, nur hier und da taucht eine kräftige ritterliche Handlung, ein Zug heroischer Tapferkeit und Vaterlandsliebe auf und greift versöhnend in das Chaos ein.
Ludwigs des Elsten Nächte waren schlaflos in dieser Zeit. Oft, wenn sein Günstling in der Morgenstunde zu ihm trat, zeigte er ihm das Kiffen seines Hauptes, welches naß von Thränen des Kummers und der Be- sorgniß war. Und dennoch konnte er trotz aller Anstrengungen das ersehnte Ziel nicht erreichen. Jene schwache Maria, die Tochter Karls des Kühnen, hatte er verachtet, aber er erfuhr, was ein Volk, das sein angestammtes Regentenhaus liebt, vermag. Von der ganzen reichen Erbschaft erhielt er nichts als die Städte in der Picardie und das Herzogthum Bourgogne. Aber selbst ihr Besitz brachte ihm wenig Freude; unter dem Volk glimmte der Zunder der Empörung fort und die Strenge des Königs fachte denselben nur zu oft zur Flamme an.
Das Jahr^l478 begann unter den ungünstigsten Ausvicien. Auf schweißbedecktem Roß stürzte ein Bote durch das Thor des Schlosses Plessi^- les - Tours und verkündete, cs sey eine Empörung zu Berry ausgebrochen. Der König wüthete und schwur, die Rebellen mit Feuer und Schwert auszurvtten. Pascal hatte ihn nie in solcher Aufregung gesehen und fürchtete für die unglücklichen Bürger Alles. Eben als Dubouchage mit seinen Fähnlein vom König beordert wurde, trat der Jüngling auf 'unb erklärte sich dem Zug anschließen zu wolle». Ludwig erschrack, denn nur ungern mißte er seinen Schützling um sich. Allein Pascal drang so bestimmt und entschlossen darauf, daß der König endlich einwilligte. Der Zug brach auf und in eiligen Märschen langte man vor den Thoren Berry's an. Die Bürger standen wohlbewehrt auf den Mauern und schienen zum Aeußersten entschlossen. Dubouchage sandte einen Trompeter ab und ließ sie zur Uebergabe auffordern ; hohnlachend empfingen sie diesen und schwuren bis auf de» letzten Mann kämpfen zu wollen. Da ließ Dubouchage zum Sturm-blasen und ein entsetzlicher Kamps begann; hier stritten Verzweiflung und Freiheitsliebe, dort Grinun und Raubsucht ; aber bic lieber« macht siegte endlich. Die Mauern wurden erstiegen und die wackern Vertheidiger kämpfend zurückgedrängt. Die Sieger stürzten trunken in bie Straßen, erbrachen
die Häuser und ein Würgen begann, dem Blutbad zu Jerusalem gleich. Pascal hatte selbst mit Löwenmuth auf der Mauer gestritten; gegen die Feinde fühlte er kein Erbarmen, — die Besiegten erheischten sein Mitleid. Welch' ein Anblick für den jungen Helden, als er • die blutgetränkte Stätte betrat! Dort Hülfgeschrei wehrloser Weiber, das Stöhnen der Verwundeten, hier das beutegierige Jauchzen unmenschlicher Sieger. Sein Häar sträubte sich, als ihm der Gott der Schlachten in so furchtbarer Gestalt engegentrat. Mit Dubouchage und wenigen seiner Getreuen eilte er durch die Straßen, dem Würgen Einhalt zu thun. Da tönte plötzlich aus einem stattlichen Hause weiblicher Klageruf. Ohne Säumen riß sich der-Jüngling von seinen Begleitern los, rannte die Treppe hinauf und stieß bie nächste Thür gewaltsam auf. Dort schallte ihm wilbes Jauchzen und Wehklagen entgegen. Ein Haufe betrunkener Soldaten hatte stch des Eigenthums der Hausbewohner bemächtigt und zerschlug int Uebermuth Fenster und Geräthschaften. Die wildesten und unbändigsten hatten den Hausherrn, einen ehrwürdigen Greis, in ihrer Mitte, und suchten unter den furchtbarsten Drohungen das Geständniß, wo er seine Schätze verborgen, zu erpressen. Einige andere hatten sich zweier junger Mätzchen bemächtigt und verfolgten sie unablässig mit ihren eckelhasten Liebkosungen. Kühn trat der junge Pascal unter sie Trunkenen und rief mit Donnerstimme: „Was.geht hier vor!" die Soldaten stuzten und sahen hoch auf, als sie einen unbekannten, jungen Menschen Ruhe gebieten hörten. Endlich zogen sie ihn lachend in ihren Kreis und stellten ihn auf einen Tisch. „Ei, gestrenger Herr Junker!" rief ihr Anführer, ein wilder, bärtiger Gesell, „Ihr nehmt es gar sehr genau mit uns. Wo habt Ihr denn das Cornmandiren gelernt?"
„Nichtswürdiger Schurke!" schrie der Jüngling in edlem Grimm und riß den Degen aus der Scheide. „Achtung vor dem Gesetz! Ist Euch nicht ferneres Morden und Plündern streng untersagt? Augenblicklich entfernt Euch, oder -schwere Ahndung wird Euch treffen."
Das riß kein alten Kriegskameraden den Geduldsfaden: „Unbärtiger Gelbschnabel!" rief er und stolperte trunken auf den Jüngling zu; „wart' ich will Dir einen Denkzettel geben." Und er. holte zum gewaltigen Streich aus, aber wie der Blitz saß ihm Pascals Klinge im Hals, daß der Betrunkene taumelnd zu Bode» stürzte.
„Zurück!" rief er dann mit Hoheit und schwang sein Schwert, als die Andern auf ihn einbringen wollte», „zurück, ich bin Pascal, des Königs -Geheim- schretber !"
Ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel konnte nicht unerwarteter, nicht sicherer treffen, als dies Wort.' Die Trunkenen waren pötzlich nüchtern und alle Klingen senkten sich. Der Jüngling aber befahl ihnen


