Ausgabe 
19.5.1847
 
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Trage ich etwa nicht schwer genug an dem Korbe, den Sie mir aufhängt?" versetzte Neit,soll ich noch mehr anflaven? Behalte Sie den Plunder, Jungfer ! Aber darf ich bei Ihrer Hochzeit den Ehrentanz mit Ihr tanzen, den ich als glücklicher Bräutigam Ihrem Liebsten zugedacht hatte?"

O, zehn für einen!" rief Matthäus dankbar aus, Ihr seyd ein edler Mann, Neit! Nun ist Eure Sünde ganz und gar ausgewetzt und der liebe Gott gewiß Euch wieder hold und gütig."

Der bewußte Nagel war doch zu etwas gut!" behauptete Neit.Ohne ihn hättet Ihr Beide Euern Mund nicht aufgethan und wir Alle wären unglücklich geworden."

Nicht der Nagel," erwiderte Matthäus andächtig, sondern Gottes Gnade, welche das böse Thun der Menschen zum Besten zu lenken weiß."

Auf der Hochzeit des glücklichen Brautpaares tanzte Neit wirklich den Ehrentanz mit der Braut und meh­rere noch dazu. Auch schien seine Fröhlichkeit keine bloß erkünstelte zu sepn, denn: verleiht Rechtthun nicht die reinsten Freuden? Als Hochzeitsgeschenk zeigte Neit eine Urkunde vor, in welcher er sich als den Käufer des Gartengrundstücks auswies, welches Matthäus in Pacht hatte. Dieselbe sicherte ferner der Familie Ni- scheck die lebenslängliche Befreiung von jeder Pacht­summe zu, und bestimmte, daß nach dem Ableben jener das Wohnhaus armen Wittwen der böhmischen Ge­meinde als Zufluchtsstätte dienen und von dem son­stigen Ertrage des ansehnlichen Gartengrundstücks mit­tellosen Kindern der nöthige Schulunterricht gewährt werden sollte. Also ist cs gehalten worden bis auf den heutigen Tag.

Die Christrose.*)

Erzählung von R.....B.....

I.

Es war der Tag vor der Christnacht. Der trübe Lichtschein des düster» Dezemberhimmels drang kaum durch die dichtüberfrorenen Fensterscheiben einer ärm­lichen Dachkammer, in der eine eisige Kälte herrschte. Das Auge suchte vergebens ein Geräthe; nirgends war Etwas, weder am Boden noch an den Wänden, zu sehen, was einem Lager oder einem Sitze geglichen

*) Christrosen, auch Jerichorosen genannt, sind be­sonders bei katholischen Landlenten häufig zu treffen. Sie kom­men wirklich aus dem Morgeulande, wie ihr Name besagt, und waren immer ein wertheS Geschenk der Pilger. Diese Rose ist eine Art Immortelle, ganz unscheinbar von Ansehen, hat aber, (wie die Leute glauben) die wunderbare Eigenschaft, daß sie nur in der Christnacht, wenn man sie in'S Wasser setzt, ihren Kelch öffnet, und eine eigenthumliche Pracht ent­faltet. Daher geschieht es auch heut zu Tage noch, daß an Vielen Orten die Leute bei der Christrose die Christnacht durch­wachen und auS ihrem Entfalten Mancherlei deuten wollen.

Anmerkung des Berfaffers.

hätte. Mait wäre versucht gewesen, zu glauben, hier sey keine Wohnstätte für ein menschliches Wesen; aber dem war nicht so.

Aus dem hintersten Winkel dieser armseligen Kam^ mer, der fast beständig in Finsterniß lag, tönte ein leises Seufzen und schmerzliches Wimmern eines zwölf- jähtigen Mädchens, das, ganz zusammengekauert, die Hände unter dem leichten Schürzchen, sich der Kälte zu erwehren suchte. Doch schien ihr nicht recht gelingen zu wollen; denn plötzlich erhob sich die Kleine aus ihrem Winkel, schlug heftig die Hände zusammen, um das Blut mehr in Bewegung zu bringen, nahte dann rasch dem großen Ofen, der allein die Zierde des GemacheS war, und betastete dieß Ungethüm mit frierenden Händen; bückte sich dann schnell nieder und spähete ängstlich nach etwas Holz, aber fand nur einige Splitter, die sie in den gähnenden Schlund des Ofens warf und anzuzünden versuchte. Doch sie brachte es nicht zu Stande und verursachte nur einen qualmenden Rauch, der das arme Wesen fast erstickte. Da schluchzte die Arme laut auf und ihrem Jammer Worte leihend, seufzte sie:

Gibi's in der ganzen Stadt, ja in der ganzen Welt wohl ein ärmeres Ding, als ich bin. O wenn ich doch auck gestorben wäre!"

Weinend näherte sie sich jetzt dem Fenster. Gerade erklangen die Glocken der Hauptkirche, um die hohe Feier des morgigen Tages anzukündigen. Diese sanf­ten Klänge brachten wieder etwas Ruhe in ihr Herz, und sie schaute mit thränendem Auge träumend in die werdende Dämmerung.

Dieses Mädchen klagte nicht ohne Grund; denn sie hatte schon sehr Herbes in der Schule des Lebens er­fahren müssen. Sie war eine arme Waise und so verlassen, wie jetzt, noch nie gewesen; denn nach dem Tode ihrer Mutter hatte sie ihre Großmutter aufge­nommen und erzogen und fünf Jahre mit ihr nach Kräften Mühe und Arbeit getheilt. Aber die arme Großmutter wurde krank, und mußte lange leiden. Ihre kleine Habe schmolz von Tag zu Tag immer mehr, bis sie zuletzt nichts mehr ihr eigen nennen konnte, als ihre kleine Enkelin. Die Sorge um dieses Kind hatte ihr das lange Leiden noch mehr verbittert; denn sie wußte nicht, was aus dem Mädchen nach ihrem Tode werden sollte. Sie starb. Ach, wie weinte Klärchen, so hieß die Arme, als man gestern ihr Alles begrub! Die Gläubiger der Großmutter hatten nach deren Tode die noch übrige kleine Habe genommen; nur das iieine Klärchen wollte Niemand. Ja, die Hausfrau hatte ihr sogar mit harten Worten bedeutet, heute noch ihr Kämmerchen zu verlassen; denn die Mieihezeit wäre vorüber. Dieß Alles war so eben an Klärchens gedrücktem Geiste vorübergegangen, als sie die Abcndglocken aus ihrem trüben Sinnen geweckt hatten.

(Fortsetzung folgt.)

Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Lteindruckerei in Gießen.