Ausgabe 
17.7.1847
 
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Zwei Tage waren bereits verstrichen, als die Schlackt geschlagen war; die Sieger strichen nach allen Rich- tungen auf der mit Blut getränkten Wahlstatt herum, die Todten begrabend und die Waffen und Harnische sammelnd. Es war eine grimmige Kälte; zahllose Schaaren von Raben und Aasgeiern ffogen krächzend über die Felder, sich heißhungrig auf die unbegrabenen Leichname werfend. Da standen an einem der vielen Sümpfe, mit welchen das lothringische Land besäet ist, zwei männliche Gestalten. Beide waren in die schlichte Tracht lothringischer Bauern gehüllt ; der Eine mochte ein Mann den Fünfzigen seyn, der Andere war ein Jüngling von kaum 17 Jahren.Hu, Vater, wie kalt ist's an dem Wasser," sagte der Letztere, sich fröstelnd an ihn anschmiegend.Warum bist Du aus dem Wald gegangen und hast die Mutter allein gelassen?"

Schweig Knabe," -entgegnete der Alte unmuthig, indem er sich mit scheuen -Blicken umsah und dann eine auf dem Boden liegende Streitart ergriff.Ha, wacht doch das alte Kriegsfeuer mit erneuter Kraft in mir auf, wenn ich die Waffe eines Ritters in meiner Faust fühle," sprach er leise mit blitzendem Auge vor sich hin,und fürwahr, wenn ich die Art besehe, sie mag keinem schlechten Manne gehört haben. Sieh her, Ludwig, so ist der Angriff , so der Ausfall, so der Rückhieb." Dabei hieb er mit kräftigem Arm in der Luft herum.

Ack, Vater, wie schön!" rief der Knabe;warum bist Du erst heut auf das Feld gegangen? vorgestern tobte noch der Kampf und da hätten wir den über- müthigen Burglinderherzog aus dem Lande schlagen können."

Der arme Herzog!" erwiederte der Bauer, sich die Augen wischend,sein Uebermuth ist ihm theuer zu stehen gekommen: er soll erschlagen worden seyn "

Vater, Vater!" rief in diesem Augenblick der Knabe der mittlerweile in jugendlichem Uebermuth die Festig­keit des Eises versucht hatte,sieh, da steckt Jemand im Sumpf. Ach, komm nur her und sieh den reich­vergoldeten Harnisch!" Der Alte eilte schnell herzu und sah einen Erschlagenen mit halbem Leib im Eise stecken. Kaum hatte er ihn und die schwere Ordens­kette, die der Todte um den Hals trug, erblickt, als ein Schrei des Entsetzens über seine Lippen drang. Allmächtiger Gott!" rief er,der unglückliche Karl von Burgund ist es und Niemand anders. Ja, und da ist auch die Narbe der Wunde, die ihm bei Mont- chery geschlagen wurde. Was ist da zu thun? Soll ich gehen und dem Herzog Renatus unsere Entdeckung anzeigen?" Er kämpfte augenscheinlich mit sich, selbst und wußte , nicht, welchen Entschluß er fassen sollte. Plötzlich schien ein Gedanke seine Seele zu durchzucken; er sah scheu auf den Knaben, der arglos mit der Kette des Todten spielte.Ludwig!" rief'er entschlossen und faßte den Knaben bei der Hand,ich habe Dir oft er­

zählt von der Pracht an dem Hof des französischen Königs, von den schimmernden Rüstungen, von den Rittern, ihre» Waffen Du klatschtest oft freudig in die Hände und sehntest Dich dahin wie, wenn der Augenblick gekommen wäre, wo Du all diese Herrlich­keit schauen und Theil daran nehmen könntest?"

Ei, so laß uns eilen," sprach der Knabe und drängte vorwärts,wir wollen zur Mutter gehen und cs ihr sagen."

Nicht doch," entgegnete der Alte unwillig.Die Mutter tvird Dich aus Besorgniß niemals ziehen las­sen und Du wirst nichts weiter, als ein armer Wald­bauer bleiben,"

Nein, das werde ich gewiß nicht," sagte der Knabe entschlossen und stampfte unmuthig mit dem Fuß;ich will ein tapferer Kriegsmann, ja ein Ritter werden und alle Feinde Frankreichs tödten, denn Du hast mir ja oft gesagt, ich sey ein Franzose!"

Recht so, mein Bursch !" rief der Bauer und schlug den mubhigen Knaben auf die Achsel.Nun höre, wie Du zu handeln hast. Hier nimm vorerst die gol­dene Ordenskette des Erschlagenen, gehe in das loth­ringische Lager und frage dreist nach dem Herzog Renatus. Man wird Dich alSbalv vor ihn führen und dann erzähle ihm, Du habest die Leiche des bur­gundischen Herrschers gefunden. Er wird sogleich mit Dir hierher eilen und statt der Belohnung begehre, an den Hof des Königs Ludwig geführt zu werden. Dort wirst Du alt die Herrlichkeiten schauen, von denen Dein Herz voll ist; Du wirst hoch und immer höher steigen, denn ein mächtiger Gönner breitet schützend seine Hände über Dich. Laß Dich nicht vom Hoch­muth verblenden und gedenke inmitten Deines Glücks Deines Vaters und Deiner Mutter. Wenn Dich der König fragt, wer Du seyst, so antworte ihm dreist und zeig ihm das Amulet, welches Du schon so. lange von mir erhieltest."

Segnend legte er seine Hände auf das Haupt des Knaben und verschwand alsbald im Dickicht des nahe gelegenen Waldes.

2.

Im khniglicken Schloß zu Plessis - les - Tours war Alles in großer Bewegung. Reitende Boten kamen und sprengten wieder fort, Gewappnete schritten klir­rend über die endlosen Corridore und die Glieder des Parlaments hatten sich b.rathend im großen Saal ver­sammelt.

In seinem Gemach schritt Ludwig XI. in großer Aufregung auf und nieder. In seinem Innern mußten riesige Entwürfe und Pläne gähren, denn seine hohlen Gcsichtszüge waren von einer ungewöhnlichen Röthe belebt; öfters stand er still, die-Hand an die Stirn legend, und schritt dann wieder gedankenvoll auf und nieder.

Also untergegangen, unkergegangen mit all seinen Entwürfen und Plänen," sprach er endlich leise vor