424
dargethan werden, wie nicht die Menschen, sondern die Verhältnisse einander feindlich gegenüber stehen.
Da es sich hier um eine der wichtigsten Zeitfragen bandelt, so zweifeln wir nicht, daß wir allgemeines Interesse dafür finden werden. — Darauf Bezug habende Einsendungen sind uns höchst willkommen.
Die Red.
Die jetzigen gesellschaftlichen Zustände.
Unsere verhängnißvolle Zeit hat die ehernen Fesseln des scheußlichsten Ungeheuers gelost, ohne einen Herkules geboren zu haben, der es wieder zu binden vermöchte: die Furie der Armuth! Bereits hat sie reißende Fortschritte gegen das Eigenthum und die öffentliche Sicherheit gemacht!
Und der Reiche — er weiß nicht, was Roth ist!
Zürnet ihm nicht, ihr Armen, daß er nicht gibt; es fehlt ihm ja das Höchste, was den Menschen adelt, das Mitgefühl! Er weiß nicht, daß Geben seliger ist, als Nehmen. Er weiß nicht, daß es das Elend ist, das Deine Kleider beschmutzt, vor denen ihm graut! Er weiß nicht, daß Dein Muth, ihn um ein Almosen, um einen kleinen Vorschuß zu bitten, der ihn genirt, nach Tagen strenger Arbeit in schlaflosen Nächten, umgeben von hungrigen und kranken Fami- lien-Gliedern, errungen worden! Er hat den Schmerz nicht gefühlt, den Du und die Deinigen empfunden, als Ihr Euch zu der „voraussichtlich vergeblichen Bitte entschlösset; er hat die Thränen nicht gesehen, die Deine Frau geweint und die Du im Kampf mit Deiner Männlichkeit unterdrückt hast, nur um Deiner armen Frau das Herz nicht vollends brechen zu machen! Er weiß nicht, der Reiche, daß Du und Deine Frau auch Ehrgefühl besitzen; daß Du kaum so viel zu erwerben vermagst, als Du für Deine Person nöthig hast, und doch hast Du ein liebes und krankes Weib und acht hungrige halbnackte Kinder daheim, die, wenn sie nicht gut erzogen werden können, Euch in Eurem Alter statt Freude, Schande machen und, wer weiß, welches Schicksal haben? am Ende einem unbarmherzigen Strafgesetz verfallen! Er, der Reiche, weiß nicht, wie Ihr an seiner Barmherzigkeit zum Voraus gezweiselt und — doch wieder auf Gott vertrauend — an seine Menschlichkeit geglaubt habt! er weiß nicht, daß von dem Erfolg Deiner Bitte das Wohl oder Wehe — die Existenz Deiner ganzen Familie abhängt!
Und — seine ganze Schuld an Deinem Unglück mußt Du — Christ! — dem unbedeutenden Umstande züschreiben:
Daß er nicht weiß und nicht glaubt,
Wie Dir und den Deinigen zu Muth ist.
Drum denk', o Mensch! Du mußt im Geiste ächter Humanität als Christ auf Mittel denken, Deinen
leidenden Bruder auf der menschlichen Bildungsstufe zu erhalten und ein Gleichgewicht herzustellen Dich bemühen, wodurch das Bestehen eines jeden Ge- bornen gesichert und das Herabfallen von der ihm gebührenden Stufe verhindert wird.
(Wird fortgesetzt.)
Der Bastard von Gemappe.
Historische Erzählung von F. Menk.
(Fortsetzung.)
Die beiden Männer schworen und entfernten sich dann eiligst aus dem kleinen Hause. Zu früher Stunde trat aber am andern Tag Tristan in das Gemach seines Herrn und berichtete ihm gleichgültig, in dem Häuschen der Witrwe Goupilier athme keine Seele mehr. Ludwig dehnte sich gähnend auf seinem Lager und rief mit schläfriger. Miene zurück: Tete-Dieu, ich wollte, ich zählte in meinem Königreich mehr solche treue Diener; aber höre Tristan, Du hast mir doch den Jeoffroy nicht vergessen!"
„Er hat sein nasses Grab wie die Uebrigcn gefunden," entgegnete der Gefragte gelassen.
„Hast Du kein Mitleiden mit mir, Tristan?" sagte kläglich der König. „Dem Staat zu Lieb opfere ich einen treuen Diener und was noch mehr: mein eignes Blut. Ach wie schwer wiegt eine Krone. Geh, mein Schgrke, und laß für die Todten ein Dutzend Messen lesen. Don Jaques,' der Dich bei der nächtlichen Unternehmung begleitet hat, empfehle ich Dir übrigens noch insbesondere."
Damit wandte sich der König von Frankreich auf die andere Seite und schlief gelassen wieder ein.
II.
1.
Die Schlacht bei Nancy war geschlagen, die Wahlstatt bedeckt mit Tausende» von Kriegern, die der Uebermukh eines einzigen Mannes dem unerbittlichen Tode in die Arme geliefert hatte. Dieser Uebermüthige war Karl von Burgund, genannt der Kühne. Als Herzog Renatus von Lothringen mit einem Heer von 15,000 geprüften Kriegsleuten anrückte, um den Räuber seines Landes zu strafen, da umringten die Heerführer der Burgunder ihren Herzog und stellten ihm die Lage und Schwäche des Heeres vor, ihn beschwörend, von dem wahnsinnigen Beginnen, den dreimal stärkeren Feind anzugreifen, abstchen zu wollen. Karl stieß sie finster zurück und rief: „Geht, geht! Ihr seyd alle Feiglinge; fliehet wenn ihr wollt, ich bin entschlossen zu kämpfen, und würde noch kämpfen, wenn ich allein meinen Feinden gegenüber stände. Nie soll man sagen, Karl der Kühne seh vor eznem Knaben geflohen."
Er stand und wenige Stunden nachher büßte er mit dem Tode für seinen unbeugsamen Trotz.


