Ausgabe 
14.7.1847
 
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blick das prächtige Schauspiel einer Zusammenkunft der mächtigsten Vasallen und Ritter, die in einem Tag aus allen Gegenden Frankreichs herbciströmten, ihren neuen Herrscher auf seinem Einzug in die Hauptstadt zu begleiten. Da sah man den alten Philipp, Herzog von Burgund, seinen Sohn, den stolzen Grafen von Charolais, nachmals der berühmte Karl der Kühne, die Grafen von Angouleme, Nevers und Eu. Doch wer nennt ihre Namen, wer zählt all die Häupter, die sich in den engen Gassen an einander reihten? Jeoffroy ward es leicht, in dieser ungeheueren Verwirrung un­bemerkt in die Straße du tour und das Häuschen Jeanettens zu schlüpfen. Es war bereits Abend und traulich prunkte die Lampe durch die halbgeschloffenen Fensterläden. Unser Bekannter sah unbemerkt in das Zimmer und gewahrte das Mädchen, wie es vor einer Wiege saß und liebevoll das Köpfchen herabgesenkt hatte. Die Mutter schien abwesend; um so besser konnte Jeoffroy sich seines entsetzlichen Auftrags entledigen. Leise trat er in das Haus, eben so leise öffnete er die Thüre und stand plötzlich in dem Zimmer. Mit einem Angstschrei fuhr das Mädchen in die Höhe und streckte wie abwehrend die Hände vor stch.

Fürchtet Euch nicht," sprach Jeoffroy monotonisch, ich komme vom Dauphin."

Von Ludwig !" rief Jeanette verklärt und ihr bleiches Gesichtchen röthete sich.Äch der böse Mann, er hat lange auf sich warten lassen. Doch, wie ist mir," fuhr sie, als wollte sie sich etwas in's Gedächt- niß zurückrgfen, fort:hab ich Euch nicht irgendwo schon gesehen?"

Ihr täuscht Euch nicht," sagte Jeoffroy ernst. Ich war und bin der erste und einzige Vertraute der Liebe LudwigS, jetzt König von Frankreich."

Mein Ludwig ist König!" rief das Mädchen hastig und klatschte erfreut in die Hände.Ach, und sein Sohn seht da, lieber Herr, diesen Engel ja sein Sohn wird auch dereinst König von Frankreich werden, und ich," setzte sie mit halb kindischem Stolz hinzu:ich habe ihn geboren."

Unglückliche ," murmelte Jeoffroy halblaut vor sich hin.Gebt nicht Hoffnungen Raum, zwischen deren Erfüllung sich ein unübersteigbarer Abgrund dehnt. Es wäre besser für Euch, Ihr hättet den Ludwig nie gesehen. Ihr seyd entsetzlich betrogen!"

O, was sprecht Ihr da!" scherzte Jeanette, aber das Beben ihrer Stimme verrieth ihre innere Angst. Glaubt Ihr, mein Ludwig trüge Falsch gegen mich im Herzen? Hat er mir nicht hundertmal seine Treue versichert? Seine Schwüre waren es Heucheleien?"

Sie waren der Köder, mit welchem er Eure Arg­losigkeit umstrickte."

Seine unwandelbare Liebe war sie eitler Trug?"

Nennt Ihr strafbare, sinnliche Begierde Liebe?

Jeanette, hört, bei dem ewigen Gott! Ihr seyd schänd­lich betrogen!

Geht, geht guter Freund," lenkte das Mädchen wieder scherzend ein,Ludwig will mich durch Euch prüfen. Aber der böse Mann soll es mir entgelten."

Ist dies Euer Kind?" fragte Jeoffroy rauh, da er sah, daß fein Mittel fruchtete.

Jeanette sprang wie wahnsinnig auf.Hinweg, roher Mensch!" rief sie mit zornfunkelnden Augen und die kleinen Hände ballten sich.Auf den Knieen nur darf sich der Franzose seinem künftigen König nahen."

Thörichtes Mädchen," erwiederte Jeoffroy höhnisch, glaubst Du nicht meinen Worten, so mag dir die Thal lehren, welcher Auftrag mir von deinem Ludwig wurde." Und mit gewaltiger Faust stieß er die Sträubende zurück, riß die Decke vom Betlchen und schwang seinen Dolch.Morden soll ich Dich und den Säugling, deshalb sandte er mich zu Dir!" rief er dann mit entsetzlichem Ausdruck.Wähnst Du, der XI. Ludwig würde einen Bastard auf den Thron setzen? Dir bleibt keine Wahl, nur wenn Du m ir vertraust, kann Dein und daS Leben Deines KindeS erhalten werden."

Allmächtiger Gott!" schrie die unglückliche Mutter entsetzt.Was habe ich verbrochen, daß mich Ludwig verstößt, daß er mich tödten will!"

Nichts verbracht Ihr," sagte Jeoffroy, den Dolch senkend, , alleiü er ist Eurer müde und fürchtet diesen Knaben, wenn er dereinst zum Mann herangewachseN seyn wird. Jeanette, ich beschwöre Euch, vertraut mir und l ßt Euch , nickt von dem Wahn dethören, Ludwig habe Euch je geliebt! O! warum hörtet Ihr vor zehn Monden nicht auf meine geheime Warnung! Ich sah ja Alles voraus, wie es kommen würde."

Aber was soll ich thun, um mein Kind zu ret­ten ?" rief sie, verzweifelnd die Hande ringend.Mein Leben gilt mir mchls, aber heilig ist mir daS ve- Knaben."

Ihr müßt mir folgen," unterbrach sie rasch Jeoffroy. Nicht eine Viertelstunde, nicht eine Minute dürft Ihr zögern. Jedes Säumniß bringt raschen Tod, schon wahne ich die Henker auf meinen Fersen!"

Ach, und meine Mutter!" jammerte daS Mädchen.

Zögert nicht und eilt, sie zu holen, sie kann mit uns fliehen. In der Verwirrung und dem Dunkel der Nacht entrinnen wir unbemerkt."

Jeanette stürzte fort und nach wenig Minuten lag Gernavpe hinter unfern Fliehenden Jeanette mit dem weinenden Kinde auf dem Arm, die alte Mutter und Jeoffroy, beladen mit einigen Habseligkeiten.

4. , ..

Spät gegen Mitternacht desselben Abends traten zwei Männer, tief in ihre Mäntel vermummt, in daS kleine Hans der Wittwe Gouxilier in der Straße du tour. Die Thür war nur angelehnt und Alles todtenstill