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nicht fort, lieber Villani," erwiederte Harder- mit einem erzwungenen leichten Ton. „Sie müssen sich schon dazu verstehen, vor dem prosaischen Geschäft der Abrechnung einige heitere Stunden in dem Hause eines langjährigen Handelssreundes zu verleben —"
„Ausrichtig gesagt," versetzte Villani, „möchte ich jenes prosaische Geschäft am liebsten eigentlich schon heute beseitigen. Jndeß kann es allenfalls bis morgen Vormittag anstehen."
„Nun, das wollte ich meinen," erwiederte Harder; „heute sind Sie zu Mittag unser Gast, und für den Abend werden Sie uns dann wohl auch auf unserer (Soiree im Garten mit Ihrer Anwesenheit beehren."
Villani wollte Beides ausschlagen, doch gab er endlich nach.
Harder's bangte im Stillen, als sie in Villani einen so kalten, gemessenen Geschäftsmann vor sich sahen. Jetzt kam alles auf den Eindruck an, den Rosaliens Erscheinung auf ihn machen würde.
Rosalie trat ein, in einem Rosakleid mit einem Ueberwurf von schwarzem Sammt. Sie sah höchst reizens aus. Villani schien durch ihren Anblick mächtig srappirt; doch fiel er nach einer freundlichen Begrüßung wieder in den vorigen gemessenen Ton zurück. Er unterhielt sich zwar mit Rosalien — er zeigte auch für ste ein gewisses, sehr bemerkliches Interesse, aber sein ganzes Betragen hielt sich dabei in den Schranken gewöhnlicher weltmännischer Conversation.
Während Villani mit dem Commerzienrath die Gemälde betrachtete, sagte die Commerzienräthin in einem Nebenzimmer zu Rosalien:
„Sey getrost, liebes Kind; der große Wurf ist gelungen! Mein Auge sieht sehr scharf. Dein erster Anblick traf Villani wie ein Blitz — er zuckte sichtbar zusammen — doch hat er Fassung genug, diesen Eindruck zu verbergen. Wenn Du Dich geschickt benimmst, so haben wir gewonnen Spiel. — Ach, da, weinst Du nun schon wieder! Se» doch nur nicht so abgeschmackt! Schnell hauche in Dein Schnupftuch und trockne Dir die Augen! Sey heiter und lächle! Bedenke, unser Aller Wohl und Wehe hängt von Dir ab!"
An den Soireetagen war immer auch ein Theil der Gäste zu Mittag gebeten. Diese begannen sich jetzt einzufiellen. Denn obgleich man immer noch von Harder's kritischem Stande sprach, so hatte man doch nicht die geringste Gewißheit und behandelte im Ganzen das Gerücht mehr als eins der Stadtgespräche, denen man keinen Glauben beimeffen könne.
Die Mittagstafel ließ nichts zu wünschen übrig. Villani unterhielt sich viel mit der ihm gegenüber- sitzenden Rosalie, und diese strengte sich an, die heiterste Laune zu zeigen.
Nach Tisch begab sich die ganze Gesellschaft in den Tarten, wo man theils ruhte, theils promenirte und
converstrie, bis der Abend herankam, wo die Töne eines lautschmetternden Orchesters in dem Pavillon das Signal zum Beginn des Tanzes gaben. Villani eröffnete den Tanz mit Rosalien, dankte ihr verbindlichst, und — engagirle ste nicht wieder.
Die Mutter machte Rosalien abermals heimliche Vorwürfe, daß sie sich wahrscheinlich wieder nicht recht gegen Villani benommen habe.
„Du bist so trüb, so abstoßend," sagte sie; „Du solltest ihm mehr entgegenkommen —
„Ich kann mich nicht aufdringen," versetzte Rosalie. „Ach, ich liebe ja den Mann nicht, und er liebt mich wie ich vermuthe, auch nicht!"
„Er liebt Dich wohl! Ich weiß es, daß er Dich liebt!" entgegnete die Mutter, „aber Du bist ein dummes, ungeschicktes Ding, das uns das ganze Spiel verderben wird! Sieh, da drüben geht Villani gerade ganz allein int Garten — suche ihm wie aus Zufall zu begegnen! Schnell fort! Unser Glück, unser Leben hängt an deinem Säumen! Wenn er zärtlich ist, so sey es auch! Du brauchst Dir dabei nichts zu vergeben. Dem Frauenzimmer stehen ja tausend erlaubte kleine Künste zu Gebote, einen Mann für sich zu gewinnen ! Geh, versuche Dein Glück!"
Rosalie zwan'g sich, der Mutter zu folgen. Sie machte einen Gang durch den Garten, auf welchem sie richtig, wie ganz zufällig, Villani begegnete.
„So allein, mein Fräulein?" hob dieser an.
„Ich suche eine Freundin, die ich etwas fragen tuotite," versetzte Rosalie. „Sind ste nicht drei jungen Damen begegnet?"
„Nein. Doch wenn sie erlauben, so will ich Sie begleiten und ,Ihnen suchen helfen."
„Mit Vergnügen. Sic sind sehr gütig."
Rosalie durchstreifte jetzt an Villani's Seite den Garten nach verschiedenen 'Richtungen. Es war ein wunderschöner Abend. Die Dämmerung brach schon herein. Die gesuchten Damen wurden über mehreren Gesprächen vergessen. Villani interessirten die wirklich reizenden, mit vielen kleinen Tempeln, Grotten, chinesischen Häuschen und Statuen verzierten englischen Anlagen, wobei er bemerkte, daß er sich durch diese Umgebungen, zumal in Rosaliens Nähe, ganz nach Italien versetzt fühle.
„In Florenz," sagte er, „ist gerade auch so ein Garten und so ein Fichtenwald daran. O nur einige Schritte in diesen Wald! Es waltet darin etwas so Geheimnißvolles und Ueberirdisches. Kommen Sie!"
Er nahm sie bei diesen Worten am Arm, und sie gelangten in die Nähe der Ruhebank, , wo sie vor Kurzem mit Werner gesessen hatte. Als sie herantraten — war es eine Vision oder war es Wirklichkeit? — sah Rosalie plötzlich Werner auf der Bank sitzen.
„O Gott!" rief dieser aus, rang die Hände gen Himmel, sprang auf und verschwand im Gebüsch.


