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Tochter des Adlerwirths, zu besuchen, aus dem Hause. Als sie aber dem Adler nahe war, wandte sie sich durch ein Seitengäßchen in's Freie nach der Stelle des Neckarufers, wo sie verabredetermaßen mit S e y- b o l d zusammentreffen wollte. Der Weg war trocken — cä hatte gefroren — hell schien der Mond vom Himmel nieder — es war eine herrliche, klare Winternacht.
Längst hatte Carl ihrer geharrt. Mit Entzücken flog er ihr entgegen und schnell brannten seine Lippen auf den ihrigen. Beide fühlten sich ganz selig, endlich einmal mit einander allein zu seyn. Die Arme um einander geschlungen, wandelten sie hinaus in die stille, einsame Nacht. Nur der Gedanke an ihre Lage drängte sich störend in ihre Wonne.
„Ach, mein Carl hob-Pa ul ine an, „diese erste frohe Stunde wird auch unsere letzte seyn! Ich habe gestern meinen Eltern das Geheimniß unserer Liebe entdeckt. Sie waren außer sich vor Zorn, daß ich den verhaßten Bär nicht nehmen will, und werden nie ihre Einwilligung dazu gebe», daß icb statt dem reichen Gastwirthssohn dem armen Jäger meine Hand reiche! Was sollte ich jetzt thun? Der Vater drohte mir, mich aus dem Hause zu verstoßen, wenn ich noch die geringste Einwendung machte, und da blieb mir denn endlich nichts übrig, als mich zu der Verlobung mit B ä r zu verstehen, die am nächste» Dienstage stattfinden soll!"
„Schon am nächsten Dienstage?" fragte Seybold ganz außer sich. Und du hast es wirklich velffprochen? O dann ermorde ich mich noch in dieser Nacht!"
„Um Gottcswillen, mein einzig und ewig geliebter Carl," versetzte Pauline, „sprich nicht so fürchterlich! Dein Tod würde auch mich zum Selbstmorde treiben. Ich fügte mich ja gegen meine Eltern nur für den Augenblick und zum Schein. Laß uns jetzt darauf sinnen, wie wir das uns bedrohende Unheil vereiteln und abwenden!"
„Aber auf welche Art wäre das möglich?" fragte Carl. „Ich sehe da für uns gar keinen Ausweg, außer den einen, daß wir Beide mit einander fliehen. Würdest Du mir wohl folgen?"
„Durch die ganze Welt!" versetzte Pauline, sich fester an seinen Arm klammernd. „Denn nur mit Dir ist mir die Welt eine Welt, und das Leben ein Leben!"
„Aber ich bin arm!" sagte Carl niedergeschlagen, „Das schreckt mich nicht. Du kannst in der Ferne einen Jägerdienst finden, der uns Beide nährt, und ich selbst will gern arbeiten und Alles entbehren, wenn ich nur Dich befitze!" erwiederte Pauline.
„Nun, dann ist Alles gut, mein starkes Mädchen! Dann soll uns keine Macht der Erde scheiden!" rief Carl entzückt aus, Pauline» küssend und an sich pressend. „Wann aber wollen wir fliehen?"
„An dem Tage vor dem Hochzeitsfeste!" versetzte Pauline.
„Und warum bis dahin warten?"
„Nun, wir gewinnen dadurch »och eine Zwischenzeit, in welcher sich möglicher Weise etwas Anderes ereignen könnte."
(Fortsetzung folgt.)
Lob der Bildung.
Das Kammermädchen ruft es aus: „Der Mann hat keine Bildung!" Der Schreiber spricht's dem Mädchen nach: „Wenn er doch hätte Bildung!" Der Schneider, wenn er Hosen mißt, Spricht: „Dieß verlangt die Bildung!" Der Schuster nimmt den Schuhriemen Und spricht: „Dich lehr' ich Bildung!" Am Theetisch heißt cs gar zu oft: „Der Mann hat keine Bildnng!" Und bei den hochgeputzten Herrn: „Bei uns ist nur die Bildung!" — Sei Du ein wahrer Menschenfreund, Und hab' nicht diese Bildung, So bist Du roh, bist nicht gescheid; Denn, ach! es fehlt die Bildung!
Wirf alles Gute von Dir weg Und hab' nur diese Bildung, Sei albern und ein schlechter Wicht, Du hast doch feine Bildung. D'rnm Freunde nehmt die Lehre an: Hascht nur nach feiner Bildung! Verstand und Tugend bleibt ja Wahn; Nur Bildung, Bildung, Bildung.
Palmer.
Glaube. Liebe. Hoffnung.
Wer hebt uns vertrauend den zagenden Blick Empor nach den himmlischen Höhen?
Wer lehret uns tragen das herbe Geschick, Und läßt uns im Kampfe bestehen?
„Der Glaube ist's, der zu dem Herzen dringt, „Der selig vollendet uns aufwärts schwingt!"
Wer kettet die Herzen mit magischer Macht Und füllet die Brust uns mit Sehnen?
Wer lichtet des Kummers finstere Nacht, Und stillet und trocknet die Thränen?
„Die Liebe ist's, ach! die uns engelmild
„Mit seligem Glücke den Busen füllt!"
Wer stärkt uns die Seele, wenn traurig und bang Beim sterbenden Freunde wir weilen?
Wer lindert den tiefen, den schmerzlichen Drang, Wer kann dann die Wunde uns heilen?
„Die Hoffnung ist's, die aus den ew'gen Höh'n „Am Grabe uns lispelt: Auf Wiedersehn!"
D'rum, Sterblicher! wahre im Busen dir treu: Dein Glauben, dein Lieben und Hoffen;
In's Leben dann bllckest du fröhlich und fr«, Der Himmel dann zeigt sich dir offen!
„UndLudet dein Leben am dunklen Grab:
„Was du hier gehofft, nie sinkt es hinab!" Theodor Loos.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei in Gießen.


