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Werker und Künstler haben, die so solide, tüchtig und nach allen Erfordernissen der Kunst und des besten Geschmacks arbeiten, wie zu keiner Zeit während des Gewerbezwanges. Ob solche Leistungen bei uns nicht noch billiger herzustellen wären, will ich nicht verneinen, allein das liegt im Allgemeinen daran, daß die Materialien hier bei uns nicht ausreichend und nur auf Umwegen, daher vertheuert zur Auswahl kommen; ein Uebelstand, dem die Gewerbefreiheit gewiß am kräftigsten entgegenwirkt und daher auch mit der Zeit heben muß.
Ein weiterer Vorwurf, der der Gewerbefreiheit gemacht wird, ist der, daß der Gewerbebetrieb lange nicht mehr so allgemein zur Wohlhabenheit führe als früher. Indessen ohne einen einzelnen Stand nennen zu dürfen, mache ich sie auf die durch und durch veränderte Lebensweise und Lebensansprüche aufmerksam. Wer das bescheidene Haidekraut baut, darf keine Weinlese halten wollen. Wer füllt die Unzahl der Zeit und Geld raubenden Vergnügungsorte, die den Unternehmern so lockenden Gewinn gewähren, daß sie sich fort und fort noch vermehren? Wer lebt heute noch so bescheiden, eingezogen und anspruchslos seinem bürgerlichen Gewerbe, als es vor dreißig Jahren sein Lehrherr that? und endlich nennen Sie mir ungeachtet dieses gewaltigen Verkennens unseres Lebenszweckes Einen Gewcrbtreibenden, der tüchtig und arbeitsam, mit der Zeit und ihren Forderungen fortschreitend, auch den kleinen Gewinn nicht verachtend, darben müßte unter uns? Vergessen Sie endlich nicht, daß mit uns die Freiheit der Gewerbe in'S Leben trat und unter unseren Äugen einem unfreien Zustande ein Ende machte, der Jahrhunderte vor uns fest, regungslos und unangetastet bestand und daß, mit Wehmuth muß man es bekennen, der Mensch überall, wo ihm beengende Banden gelöst werden, die Freiheit nicht immer verständig zum Guten allein braucht, vielmehr oft ausschreitend, nicht nur dem öffentlichen Leben, sondern auch sich selbst schmerzliche Wunden schlägt.
Die Zeit und eine durchgreifendere allgemeine Bildung wird wohlthätig solche Ucbelstände ausgleichen. Wollen wir das wohlthätige Feuer verdammen, weil die ungeschickte Hand sich und Andere damit beschädigt?
Eine Geschichte vom alten Dessauer.
Schluß.
Die Thür ging auf und der Schloßmeifter brachte auf einem porcellainen Teller vier Semmeln von verschiedenen Bäckern.
„Na! daran verdirbt sich auch Keiner den Magen," sprach der Fürst als er das Backwerk sah. „Man möchte wahrhaftig eine Brille auf die Nase setzen, um die Dinger zu erkennen."
Jetzt brach er eine derselben von einander; Geisau und der Schloßmeifter mußten mit davon essen, um dann ihr Urtheil abzugeben, was sich natürlich nach dem des Fürsten richtete, welches nicht sonderlich ausfiel , denn er hob die Zähne gewaltig hoch.
„Zäh und Zach!" murmelte er mehr als mal, „darum sott mich auch die ganze Innung zach finden. Nichts mit Privilegien, denn reicht man den kleinen Finger, so nehmen sie gleich die ganze Hand. Privi- legicn sind der Krebsschaden des Handels und der Gewerbe, und wenn ich einmal einen so dummen Streich machte, so bin ich nicht sicher, daß den andern Tag wohl gar noch die Juden kämen und ein Gleiches verlangten. Diese müssen besonders im Zaume gehalten werden, denn sonst tauchen die Kinder Israels gar zu sehr empor und tanzen uns zuletzt auf dem Kopfe herum. — Hinweg mit diesen Semmelresten, könnt Sperlinge damit füttern. Werde Befehl geben, daß künftig scharfe Controle über die Bäcker geführt wird, und wenn sich die Müller unterfangen, wiederum einen Wasserkrakeel anznfangen, so sollen sie den alten Dessauer kennen lernen. Blind gehorcht und nicht gemuckst, so will ich's haben in allen Ständen, denn unser Einer ist nicht statt Teufels da. Kann das verdammte Raisonniren nicht leiden, darum sollen die Mäuler gestopft werden, gleichviel, ob Groß oder Klein. Hab' schon Manchem die Nase geputzt und denke auch noch mit diesen fertig zu werden. Darum hübsch aufgepaßt und mir nichts verschwiegen. Wurst wieder Wurst. Hast du gefehlt, so erwarte ein Gleiches. Dabei blcibt's, und wer über die Schnur haut und dann noch Spähne machen will, dem soll ein Kreuz-Stern- Schock-Millionen-Hageldonnerwetier auf den Pelz fahren.
Als er so seinem Herzen Lust gemacht, gab er Befehl, seine Sachen herbcizubringen und die Pferde anzuspannen. Die Diener flogen mit Blitzesschnelle und mehr denn zwanzig Finger waren bereit, die Knöpfe an den langen weißen Kamaschen zuzuknöpfen. Seine llniforni mit dem schwarzen Adlerorden, so wie ein alter Mantel, der eher einer Mönchskutte ähnlich sah, wurden herbeigebracht. Er setzte eine Sanimtmütze auf sein Haupt und ergriff seinen gewaltigen Nohrstock aus dessen Ende ein großer Eisenstachel ragte —
Dee Wagen hielt unten <mi Schlosse und begleitet von seinem Adjutanten stieg der Alte hinein, um nach Bernburg zu fahren, wo sich seine Gemahlin und seine Kinder aufhielten.
Als sie so die Straße hinabfuhren, sahen seine Falkenangen schon von weitem einen Bäcker vor seinem Hause stehen, in bloßen Hemdsärmeln, barfuß und nur mir Pantoffeln bekleidet. Damals arbeiteten die Meister noch selbst mit und legten Hand an; denn das Schlaraffenleben war »och nicht eingerissen, wie es jetzt viele Bäckermeister in großen Stävten führen, welche auf schwellendem Divan ihren Schmeerbauch


