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über die Erzeugung seiner Bedürfnisse gehörige Belehrung zu verschaffen, er würde dann nicht Unmöglichkeiten verlangen und darauf mit einem vornehmen Eigendünkel bestehen, welcher heimliche Erbitterung und Verachtung erzeugt. Er würde dann nicht fehr billige Forderungen unverschämt finden und in Gefahr kommen, den letzten, ehrlich verdienten Groschen abzuzwacken, ein schändliches Verfahren, wodurch der redliche Handwelker zuletzt genöthigt wird, ein Betrüger zu werden.
Unsere Industrie hat jetzt die doppelte Aufgabe, das bessere Neue zu erstreben und das gute Alte nicht zu verlassen. Noch scy mir vergönnt, wenn auch nur vorübergehend, eines Umstandes, mit dem dem Gegenstände angemessenen Ernst und Nachdruck, Erwähnung zu thun, der hier nicht ganz übergangen werden kann.
In keinem Munde ist die Klage über schlechte Zeiten häufiger, ja in letzter Zeit dringender gewesen, als in dem der Gcwerbtreibcnden. Indessen ist der Jammer des Menschengeschlechts so alt als seine Geschichte und die Klage über die Noch der Zeiten erbt sich fort von einem Geschlecht duf das andere. Tas erste hat an das jetzige seine Trauer laut werden lassen über die Last der Gegenwart und über den Verlust einer schönern und bessern Vergangenheit. So verschieden aber, als jederzeit d>e Thatsachen gewesen sind, die im Allgemeinen als Gründe für solche Klagen angeführt wurden, so verschieden lauten auch noch die Stimmen, durch welche sich unsere Zeit nicht minder mißmuthig und verstimmt als die frühere über ihre eigenen Gebrechen sich vernehmen läßt. Bei ihnen aber heißt es insbesondere: „Gcwerbefreihcit."
Würde die Gewcrbefreihcit nichts, gar nichts weiter hcrbeigefübrt haben als das Streben zur Veredlung des Gewerbes, so wäre aus dieser Rücksicht diese Freiheit schon das köstlichste Kleinod unserer Verfassung zu nennen. Wer hat eö von den Gcwerbtreibcnden wohl sonst dcr Mühe werth gehalten, auf geistigem Wege vor- und fortzuschrciten. Wer von (ilhii den reichen und angesehenen Zunftmeistern der früheren Zeit hätte cs mit seiner Ehre verträglich gehalten, im uncrmcßlichcn heiligen Gebiete der Naturwissenschaften Belehrung zu suchen und hätte den Trieb, sich und seine Thätigkeit auch geistig zu begründen, gefühlt oder ausgesprochen? Was endlich bringt uns hier zusainmcn? die unter uns durch die Gewcrbc- fteihcit allgcmcin gewordene Wahrheit, daß Stillstand Rückgang ist, so in der Natur, so in unsirn Werken.
Was haben aber die Zünfte gethan, um den Forderungen dcr Zcit und dcn Fortschritten der Wissenschaften zu folgen? Nicht nur nichts, sie haben sogar die Ncuercr gehaßt und verspottet; selbst in dem alten Sauerteig rühren war ciu Verbrechen an der Innung.
Viele dcr Gewerbtrcibenden könnten ohne Gewer- befreiheit kaum den achtbaren Platz ausfüllen, den sie jetzt einnchmcn, es wäre denn, sie hätten die alternde Wittwc oder die anrüchige Tochter, eines M isters als schwere Last mit durch'ö Leben geführt. Welche Wohlthat für uns Alle, daß ihre Kenntnisse sie unabhängig von allen Gevatterschaften und die Moralität crtödtcnde Rücksichten machen, welcher Vor- theil für sie, daß sie unabhängig, frei der Ausbildung und Ausdehnung ihres Gewerbes leben können, während sie früher von den erstarrten Banden des Zunftzwanges umfangen, mit dahin wirken mußten, daß dem faulen, unwissenden Mitgliede ihrer Innung der unverdiente Lohn seiner, dem Namen nicht der That nach, meisterlichen Arbeit nicht entging. Wohl uns, daß kein Stand mehr sich auf Kosten der übrigen mästen kann.
Der Bürger muß überall mit seinen Händen auch dcn Geist in Thätigkeit erhalten; so ist es recht und nur dadurch crhcbt er sich über die Maschine, mit dcr nur die rohe Kraft wetteifern will, hier und da auch unverständiger Weise kämpft und damit sich selbst am empfindlichsten schadet.
Häufig hören wir selbst cie, welche der Gewer- befreihcit volle Geltung widerfahren lassen, dcn Wunsch äußern: cs möge Jeder, der ein Gewerbe ausübcn will, seine Fähigkeit dazu auch Nachweisen, wie solches bei einem und dem andern Handwerks- und Künstlergcwerbe jetzt .auch gesetzlich erfordert wird.
Ich frage Cie aber, welche Sicherheit wird der Gesellschaft dadurch? Stürzen z. B, Häuser, Zimmer und Ufir deshalb »i ch t zusammen? und sind nicht auch dort überall Menschlichkeiten nachzuweisen? Ist jener Ausweis dcr Fähigkeit zum Gewerbe oder zur Kunst so erschöpfend möglich, daß dadurch jeder Gefahr in dem betreffenden Gciverbe vorgebeugt werden kann? und dient er nicht auch andrerseits dazu, manche Ungebühr zu privilcgiren und zu verewigen ? Nur die dringende Rücksicht für die öffentliche Sicherheit mag die Halbheit solcher.Einrichtungen rechtfertigen.
Was nun die Klage um größere und schädlichere Pfuscherei anbetrifft, so ist gerade die wachsende Kumtniß dcr Gesellschaft von dcr Würdigkeit ter Gkwerbceleistungen eine der größten Hauptstützen für das Gewerbe selbst. Jeder erkennt mehr und mehr, daß um Spottpreise nur spottschlcchte Waare geliefert werden kann und so lange es nicht an Thoren fchlt, wird und kann cs auch nicht an solchen Gcwcrb- treibendcn fehlen, die bei leichten, unhaltbaren, pfuscherhaften Waaren besser ihre Rechnung finden, als bei solchen, wo ihnen Kenntniß und Betiicbssähigkcit ohnedicß nicht ausreicht.
Bedarf es unter uns wohl besonderer Beweise, daß wir eine sehr bcdcutcnde Zähl so achtbarer Hand-


