Ausgabe 
5.5.1847
 
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die Weste flog vom Leibe,den Ihr nach Eucrm Be­lieben anputzen könnt." Schuhe, Strümpfe und Bein­kleider sanken unter Neit's Ungestüm zu Boden, der in ungleich kürzerer Zeit, als vorhin die Hofbedienten bedurft hatten, seine Umwandlung bewirkte.

Mittlerweile sagte der Monarch zu seinem ganz bestürzten Lcibdiener:Holleufer! Du hast mir einen Wahnwitzigen statt eines Arztes zugeführt."

Ach, Ew. Majestät," klagte Holleufer,noch ganz versteinert bin ich vor Schreck und Entsetzen. Der Mensch war erst vollkommen vernünftig und nur dann, als wir ihm die Hofkleidung anlegten, begann er, sich ungebecdig zu zeigen. Wenn Ew. Majestät geruhen wollten, allergnädigst zu erlauben, daß der Mensch noch einmal und zwar in seiner schlichten All­tagskleidung vor Ew. Majestät erscheinen dürfte, viel­leicht . . . soll man nicht Alles versuchen, um die großen Schmerzen Ew. Majestät möglichst zu lindern?"

In dem Augenblicke, wo Reit das königliche Schloß zu verlassen sich anschickte, sah er sich von seinem Gönner Holleufer zurückgeholt und beschworen, die vorige Scene nicht zu wiederholen, sondern seine ganze Kunst aufzubieten, um dem hohen Patienten genugzu- thun. Gehorsam angelobend und folgsam wie ein Lamm schritt Neit dem Diener nach.

(Fortsetzung folgt.)

Wie Schil - wache.

Im Jahr 1779, als in Nordamerika der Krieg mit den Engländern mit großer Lebhaftigkeit geführt wurde, war einmal eine Abtheilung des englischen Heeres am Ufer eines Flusses gelagert, und in einer durch die Natur so begünstigten Stellung, daß auch die geübteste Kriegskunst ihr nicht leicht beizukommen vermochte. Das Kriegführen in Amerika sah mehr einer Art von Wildjagd gleich, als einem regelmäßigen Feldzug.Wenn ihr nach den Regeln der Kunst fech­ten wollt," sagte Washington zu seinen Soldaten,so werdet ihr sicherlich den Kürzeren ziehen. Habt ihr aber so viel Kriegszucht gelernt, um einen vereinigten Angriff, und im Nothfall einen geordneten Rückzug machen zu können, so wird euch das Terrain eures Landes alle Jngenieurkünst ersparen." Dieser Grund­satz des amerikanischen Generals war so richtig, daß die englischen Soldaten fast mit nichts Anderem als mit dem Terrain zu kämpfen hatten. Die Amerikaner waren darauf bedacht gewesen, die Indianer in ihre Reihen- aufzunehmen , und diese leisteten ihnen Dienste in einer Weise der Kriegsführung, zu welcher ihre heimathliche Lebensart ste besonders geschickt machte, ©io sprangen aus ihren undurchdringlichen Wäldern und Gebüschen hervor, und richteten mit ihren Pfeilen und Beilen täglich Verheerungen in den Reihen der Engländer an, überfielen die Schildwachen, schnitten die Nachzügler ab, und wenn man sie dafür zur Nechen-

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schast ziehen, und sie verfolgen wollte, so flüchteten sie sich mit einer Schnelligkeit, daß selbst die Reiterei sie nicht einholen konnte, in die Felsen und Gebirgsfesten, wohin ihnen zu folgen Verwegenheit gewesen wäre.

Um diese ärgerliche Art von Kriegsführung, die so viel Verlust und so wenig Ehre eintrug, möglichst zu beschränken, pflegte jedes englische Regiment seine Außenposten weit vorzuschieben, Schildwachen in den Wäldern auszustellen, und um das Hauptkorps her be­ständige Runde machen zu lassen.

Um diese Zeit war ein Regiment Fußgänger an den Gränzcn einer unübersehbaren Savanne aufgestellt. Sein besonderer Auftrag war, jeden Zugang zur Hauptarmee zu bewachen, und die Schildwachen, deren Posten in die Wälder vorgeschoben waren, von- Zeit zu Zeit abzulösen; der Dienst bei diesem Regiment war soniit gefahrreicher als der bei irgend einem andern. Auch der Verlust dieses Regiments war bedeutend. Die Schildwachen wurden auf ihren Posten immer von den Indianern überfallen und hinweggeschafft, ohne daß sie Allarm gemacht hatten, und ohne daß man nachher wieder etwas von ihnen hörte. Von der Art und Weise, wie man sie hinweg spedirte, war nachher keine ©pur mehr zu sehen; nur ein- oder zweimal ent­deckte man einige Blutstropfen an den Blättern die an dem Boden lagen. Viele schrieben dieses unbegreif­liche Verschwinden einem Verrath zu, und stützten sich dabei auf den unläUgbären Umstand, daß die so über- falienen Leute wenigstens ihre Musketen hätten abfeucrn können, und dadurch dem nächsten Posten ein Sig­nal geben. Anderes die von dein Gedanken an Ver- rätherei nichts wissen wollten, begnügten sich damit, die Sache als ein Gebeimniß zu betrachten, das die Zeit schon aufkläreir werde.

Eines Morgens, nachdem in der Nacht, wie gewöhnlich die Schildwachen ausgestanden waren, ging die Wache beim Sonnenaufgang vont Lager weg, um einen Posten abzulösen, der in beträchtlicher Ent­fernung im Walde stand. Der Posten war fort! Die Leute verwunderten sich, staunten, sahen einander an; allein der Fall war ja schon mehr vorgekommen. Sie ließen einen andern Mann da und zogen wieder

ab, indem sie ihm besseres Glück wünschten.Ihr

braucht nicht zu sorgen," sagte der Mann mit Wärme, ich werde nicht desertiren!" Die Ablösungsmannschaft

kehrte nach dem Wachthaus zurück.

Die Schildwachen wurden alle vier Stunden av- gelöst, und zur festgesetzten Zeit märschirte die Wache wieder hinaus, um den Posten neu zu besetzen. Zu ihrem großen Entsetzen war der Mann fort! Sie such­ten rings umher; aber es war keine Spur zu finden. Jetzt war es nöthiger als je, den Posten nicht leer zu lassen. Sie stellten also einen andern Mann hin, und zogen daiin wieder in's Wachthaus. Nun wurde der Aberglauben der Soldaten rege, und ein Gefühl des Schreckens lief durch das Regiment. Als der Oberst