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von dem Umstand hörte, erklärte er, er wolle die Mannschaft selbst begleiten, wann die Schildwache abgelöst werde. Die Stunde kam, sie marschirten alle zusammen in den Wald hinein, — und stumm vor Schrecken sahen sie, daß der Posten leer war und der Mann fort!
Unter diesen Umständen besann sich der Oberst, ob er den Platz mit einer ganzen Kompagnie besetzen, oder ihn abermals einer einzelnen Schildwache anvertrauen solle. Die Ursache dieses wiederholten Verschwindens von Männern, deren Muth und Ehrenhaftigkeit nie bezweifelt worden war, mußte herausgebracht werden, und wenn man bei der bisherigen Weise blieb, so hatte man wenig Wahrscheinlichkeit, diesen Zweck zu erreichen. Drei wackre Männer waren nun dem Regi- mente verloren gegangen, und einen vierten auf den Posten zu stellen, hieß ungefähr eben so viel, als ihn einem gewissen Untergang preisgeben. Der arme Bursche, an dem die Reihe war, den Posten zu beziehen, zitterte vom Kops bis zu den Füß n, obwohl sonst ein Mann von untadclhafter Cntjchlossinheit. „Ich muß meine Pflicht thun," sagte er zum Offizier, „ich weiß das; aber ich würde mein Leben lieber auf eine rühmlichere Weise verlieren/
„Kein Mann soll gegen seinen Willen hier Wache stehen," sagte der Oberst.
Augenblicklich sprang ein anderer Soldat aus den Reihen hervor, und verlangte den Posten zu beziehen. Jedermann lobte seinen Entschluß. „Ich werde mich nicht lebendig gefangen nehmen lassen," sagte er, „und ihr sollt beim geringsten Geräusch von mir hören. Jedenfalls will ich mein Gewehr abschießeu, wenn ich auch nur die leiseste Bewegung vernehme. Wenn ein Vogel flattert, oder ein Blatt fällt, sollt ihr meine Muskete hören. Es kann sehn, daß ihr durch diese Weise aufgeschreckt werdet, während nichts dahinter ist; aber ihr müßt euch dies gefallen lassen, denn es ist die einzige Möglichkeit, der Sache auf den Sprung zu kommen."
Der Oberste lobte seinen Muth, und sagte ihm, er thue ganz recht, beim geringsten zweifelhaften Geräusch Feuer zu geben. Seine Kameraden reichten ihm die Hand zum Abschied, und verließen ihn unter trüben Ahnungen. Die Kompagnie marschirte zurück, und erwartete den Erfolg im Wachthause.
Eine Stunde war verstrichen, und jedes Ohr war auf der Lauer, um den Flintenschuß zu hören, als man auf einmal den Knall vernahm. Die Wachmannschaft machte sich augenblicklich auf den Marsch, begleitet, wie zuvor, von dem Oberst und einigen der er- sahrensten Ofsiziere des Regiments. Als sie sich dem Posten näherten, sahen sie den Mann auf sich zukom- men, wie er einen andern Mann am Kopfyaar auf dem Boden einher schleifte. Bei'm Näherkommen zeigte sich's daß cs ein Indianer war, den er geschossen hatte. Man verlangte sogleich weiteren Bericht von ihm.
„Ich habe Ew. Gnaden gesagt," erzählte der Soldat, „daß ich bei'm leisesten Getöse Feuer geben würde. Dieser Entschluß hat mir das Leben gerettet. Ich stand noch nicht lange auf meinem Posten, als ich in geringer Entfernung Etwas rauschen hörte. Beim Hinsehen wurde ich ein amerikanisches Schwein gewahr, wie man sie gewöhnlich in diesen Wäldern sieht; das schnupperte so auf dem Boden hin, und schien unter den Bäumen und zwischen ven Blättern Nüsse zu suchen. Da diese Thicre so häufig sind, ließ ich es einige Minuten lang aus den Augen; weil ich aber immer auf der Hut und in beständiger Erwartung eines Angriffs war, sah ich doch wieder nach ihm hin, wie es so unter den Bäumen herum spazierte. Indessen hielt ich es nicht für nöthig, Lärm zu machen, und erwartete in meinen Gedanken die Gefahr von einer ganz andern Seite her. Doch fiel mir's auf als etwas Ungewöhnliches, daß das Thier rings um mich her ging, und einem dicken Gebüsch zusteuerte, das sich unmittelbar hinter meinem Posten befand. Ich beobachtete es deß- halb mit schärferem Blick; und als es nur noch einige Ellen von dem Gebüsch entfernt war, besann ich mich, ob ich nicht Feuer geben sollte. Aber fiel mir ein, meine Kameraden werden mich auslachen, wenn ich sie in Allarm setze dadurch, daß ich ein Schwein schieße. Ich war beinahe entschlossen, es gehen zu lassen, als es mir, gerade bei seiner Annäherung an das Dickicht, vorkam, wie wenn es einen ungewöhnlichen Sprung gemacht hätte. Nun zögerte ich nicht länger, ich zielte, schoß, und augenblicklich lag das Thier, vor mir ausgestreckt mit einem Schmerzenslaut, den ich nur einem menschlichen Wesen zuschreiben konnte. Ich ging darauf zu, und — denken Sie sich mein Erstaunen, als ich fand, daß ich einen Indianer getödtet hatte! Er hatte sich in die Haut eines dieser wilden Schweine so künstlich und vollständig eingehüllt, seine Hände und Füße waren so gänzlich darin versteckt, und sein Gang und Aussehen waren dem eines Schweines so ähnlich, daß man von der Entfernung aus den Betrug unmöglich entdecken konnte, da man ohnedies die Gestalt zwischen den Bäumen und Gebüschen hindurch nie ganz vollständig erblickte; und auch bei näherer Untersuchung würde man kaum darauf gekommen sehn. Der Mann war mit einem Dolch und einem Tomahawk bewaffnet."
Dies war der Inhalt der Erzählung des Soloaten. Nun wußte man, auf welche Weise die andern Schildwachen verschwunden waren. Der Indianer verbarg sich unter dem Schutz dieser Verkleidung im Gebüsch, lauerte auf den Augenblick, wo er sie abwerfen konnte, sprang ohne vorheriges Geräusch auf die Schildwache los, und zwar so schnell, daß sie ihr Gewehr nicht mehr abfeuern konnte. So konnte er die Leute erdolchen oder scalpiren, und schleppte dann ihre Leichname hinweg, um sie in einiger Entfernung unter einem Haufen Blätter zu verstecken.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei in Gießen.


