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Man hatte des Königs Uebel für so gefährlich und bedenklich befunden, daß in einer Berathung der sämmtlichen Leibärzte die Frage aufgeworfen worden war, ob nicht die Wegnahme des kranken Fußes vom Körper durch die dringendste Nothwenvigkcit geboten werde? Allein da die sächsischen Jünger Aeskulap's auf ihre alleinige Verantwortlichkeit zu einem eben so gewaltsamen als leidigen Mittel nicht schreiten wollten, so hatte man einen Eilboten nach Paris abgehen lassen, welcher der dortigen medizinischen Fakultät eine genaue Beschreibung über den Stand und die jetzige Beschaffenheit des königlichen Fußübels hinterbringen und eine Entscheidung der aufgeworfenen Frage verlangen sollte.
Natürlich wußte der Monarch nichts von der Gefahr, welche über seinem kranken Fuße und über seinem Haupte zugleich schwebte. Er duldete, litt und klagte. Seine Leute aber, welche jetzt keine guten Tage mehr bei ihrem Gebieter hatten, "erschöpften sich in Trost- und Heilmitteln, welche sie dem hohen Kranken submissest in Vorschlag brachten.
Da geschah es eines Tages, daß mit des Königs Bewilligung ein neuer Heilkünstler in das hohe Krankenzimmer eingeführr wurde, und zwar zum größten Aerger der königlichen Leibärzte, welche sich, beobachtend und heimlich des Quacksalbers spottend, in einiger Entfernung ausgestellt hatten. Der Mann, welcher dem König rathen sollte, war nämlich kein Studirter und wenn noch heut' zu Tage die Studirten mit mitleidiger Geringschätzung auf alle Nichtsiudirten herabzublicken pstegen, so war dieß damals noch weit mehr der Fall. Der neue Heilkünstler war aber Niemand anders, als — unser Neit, welchen einer der königlichen Laguaien, auf die Kunde von der wunderbaren Herstellung der beiden Juden, seinem hohen Gebieter empfohlen hatte.
Neit sah sich nicht mehr ähnlich. Sein braunes Haupthaar war frisirt, gepudert, gelockt und endete hinten in einen schwarzseidenen Haarbeutel. Ein seidener Frack mit breiter Stickerei und kurze Beinkleider von demselben Stoffe und rehfahler Farbe hatten die Stelle des Düffelrockes und der grauen Tuchhosen eingenommen. Eine weiße lange Atlasweste mit ihren breiten Taschen umfloß den ganzen Leib bis zur Ungebühr und ein Degen mit weiß lackirter Scheide und stahlblitzendem Griffe hing wehrhaft an der linken Seite. Biaßblaue Seidenstrümpfe mit rothen Zwickeln und Schuhe mit breiten, silbernen Schnallen schmückten das Untergestelle des Wundarztes, welchem nichts übrig geblieben war, als sein etwas kupferfarbiges Antlitz und der weit ausgreifende Paßgang, mit dem er sich in Begleitung seines Gönners, jenes anrathen- den Laquai's, dem Könige nahete. Aber Neit's Miene war eine finstere, ja Zorn verrathende; seine Stirn hatten drohende Falten überzogen, und seine zusammengekniffenen Lippen schienen nur mühsam schweigen zu
wollen. So trat er vor den König hin, welchem er eine unbeholfene Verbeugung machte.
August H. heftete einen Blick, in welchem sich Schmerz mit Verdruß paarte, auf den neuen Leibarzt, wendete dann das Antlitz abseits und streckte ächzend das kranke Bein vor, welches ein geschäftiger Diener von seinen mannigfachen Hüllen, Umschlägen und Pflastern zu befreien strebte, um der ärztlichen Untersuchung Vorschub zu leisten.
Indessen hatte Neit 3eit. gehabt, seinen Monarchen, den er zum erstenmalc und noch dazu in solcher Nähe sah, aufmerksam zu betrachten. Hätte dieser eine goldene Königskrone statt der weißen Nachtmütze auf dem Haupte, einen Scepter statt des Krückenstvcks in der Hand getragen, als gewappneter Krieger mit dem Feldherrnstabe in der Rechten auf einem Streitrosse, wie er in Dresden's Neustadt in Erz abgebildet ist, anstatt auf dem Krankenstuhle gesessen, gewiß, Neit würde — dieß seh zu seiner Entschuldigung gesagt — nicht gewagt haben, zu sprechen, wie er in Wahrheit jetzt sprach.
Beide Arme lang ausstreckend und starr auf die Stickerei der Aermel wie auf die Spitzenmanschetten blickend, hob der Wundarzt mit bitterm Tone an: „Nun, Ihr schönen Kleider! so sprecht und rathet doch, wie der königlichen Majestät da zu helfen sey! Ihr schweigt? Wollt nicht, rathen? Na, wie wird's? Bezeigt Ihr keinen Respekt vor Eurem hohen Herrn?"
Wer malt hier das Erstaunen, wie den Schreck sämmtlicher Anwesenden bei dieser unehrcrbietigen Sprache des Heilkünstlers? Absonderlich trauten die Höflinge ihren durch Schmeichelei verwöhnten Ohren nicht, indeß die Hofmedici schadenfroh die Hände in ihren Rocktaschen rieben.
Selbst der König geruhte über eine solche, noch nie vernommene Rede in ein allerhöchstes Staunen zu geraihen, welches sich durch einen Zornesblick auf den Sprecher, durch eine abwehrende Handbewegung und durch die hastig gesprochenen Worte: „Fort, fort mit ihm!" — kund gab.
Der Hände viele waren hierauf bemüht, den gröblich aufgetretenen Wundarzt aus dem königlichen Krankenzimmer zu entfernen und in ein Seitenkabinet zu versetzen. Als hier alle mit Vorwürfen auf den Schweigsamen einstürzten , platzte bei diesem die längst schon im Innern flammende Bombe.
Auf das gebohnte Tafelwerk nieder klatschte der Chapeau-bas. Ein heftiger Griff an die Schläfe und nach dem Nacken schickten jenem die beiden falschen Scitenlocken und den Haarbeutel nach.
„Zum Teufel mit Euch und Eurem Wüste!" rief Neit, indeß unter seinen ungestüm zerrenden Händen die Näthe des engen Nockes krachten. „Mich wie ein neugebornes Kind einzuschnüren und zu windeln," ritz, ratz, die theuren Manschetten blieben stückweise an seinen Fingern hangen. „Sucht Euch einen Affen aus,"


