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Vermischtes.
Wer verhängnisvolle Nagel.
(Fortsetzung.)
Reit stieg hinauf. Nach einer kleinen Weile kehrte er schnell zurück, holte aus der Küche und andern Orts herbei, wessen er benöthigt war, und eilte zu den Kranken wieder hinauf Niemand trat ihm hindernd in den Weg, denn Alles stoh vor ihm wie vor der Pest selbst. Als er nach längerem Aufenthalte wieder in die Gaststube trat, sprach er voll gerechter Entrüstung zu dem, vor ihm in einen Winkel gekrochenen Ehepaare: „O, Ihr herzlosen Menschen! Zieht Ihr nicht den meisten Gewinn von den polnischen Juden, die nur bei Euch einzukehren und einen schönen Thaler Geld aufgehen zu lassen pflegen? Un'o Ihr wäret grausam genug, die Kranken oh»e alle Hülfe zu lassen! Dem Verschmachten nahe sand ich sie bereits und welch' eine Blutschuld hätlet Ihr aus Euer Haupt und Haus geladen, wäre ich nicht in dem entscheidenden Augenblicke hergekommen! Bald bin ich wieder hier; bis dahin lasset die Kranken in Frieden."
Neit begab sich in seine Wohnung — das jetzt von Gewächsen freie Gewächshaus — zurück.
„Jst's wahr," rief ihm sein Wirth entgegen, „daß die Pest in den „drei Linden" ist und daß Ihr bei den Pestkranken gewesen seyd?" ,
„Wiederum ist die geschwätzige Zunge schneller gewesen als die helfende Hand," brummte Neit. „Ich versichere Euch, Freund Matthäus, daß Ihr nicht um ein Haar anders gethan hättet als ich. Denkt Euch! Menschen, es seyen Juden oder Christen, ohne allen Beistand zu lassen! Das Herz im Leibe wäre Euch zer- schmolzen bei dem Anblicke, den ich hatte. Als ich in die Stube der kranken Juden trete, empfängt mich eine übelriechende Stickluft, so daß mein erster Gang nach dem Fenster hin ist, um den davor befindlichen Vorhang zu entfernen und einen Flügel zu öffnen. Bei dem Scheine des nun hereinbrechenden Tagelichts erblickte ich in der Mitte des Zimmers eine halbnackte Menschengestalt, die, von schmerzenden Beulen schrecklich entstellt, wimmernd und auf allen Vieren kriechend, die flehenden Worte hervorlallt: „Wasser! o nur einen Schluck Wasser!" — Ich hebe den langbärtigen Mann, den ein heftiger Ficberfrost abschüttelt, auf sein Lager zurück und hole vor allen Dingen den begehrten Trunk herbei; dann gehe ich an das weiter Nölhige. Ich mußte Alles in Allem werden: Heber, Leger, Kammerdiener, Krankenwärter, Stubenmädchen, Köchin, Arzt, Apotheker, Tröster, doch das Letztere nur für den einen Juden, sintemal der andere bewußtlos lag. Fortan werde ich wohl meine Zeit meistens bei meinen polnischen Juden zubringen müssen."
„Eure Hand her!" sagte Matthäus gerührt; „Ihr habt als barmherziger Samariter gehandelt. Doch woher nahmt Ihr den Muth, zu den Pestkranken zu gehen , die von Jedermann, selbst von Euren Standes- genossen, geflohen worden sind ?"
„Wer mir den Muth gab, fragt Ihr?" entgegnete Neit; „Jener Nagel dort und dann Eure Vorwürfe! Zwar soll der Arzt selbst vor dem Teufel üch nicht fürchten, also auch nicht vor der Pest, obschon ich nicht glaube, daß diese tue beiden Juden in Besitz genommen hat. Aber ich habe den Lindenwirth und seine Frau in der Meinung gelassen, weil sie außerdem im Stande wären, meine beiden Patienten hinaus auf die Straße werfen zu lassen. Ansteckend mag die Krankheit wohl seyn: darum habe ich mich auch geweigert, Euch- die Hand zu geben, werde mich auch etwas fern von Euch halten, doch die Pest — nein, diese ist's nicht."
„Sie war es doch nicht!" wiederholte Neit nach zwölf Tagen, als er mit vergnügtem Gesichte heimkehrte und vor seinen Wirth und dessen jetzt völlig hergestellte Mutter trat. „Wißt Jhr's, daß meine Juden vorhin nach Leipzig abgesegelt sind mit frischem Winde und frischer Gesundheit? Geld habe ich freilich nicht von ihnen für meine Mühe bekommen, dagegen großen Dank, herzlichen Händedruck und das Versprechen, in Zukunft sich bei mir abfinden zu wollen. Herrn Mädler's Rechnung hatte fast all ihr Reisegeld aufgeheu machen und zu den Wechseln mochten sie nicht greifen wollen, wie ich vermuthe. Denn daß sie noch etwas sehr Wenhvolles bei sich haben mußten, habe ich aus der großen Aengstlichkeit ersehen, mit welcher sie ihr Bettstroh bewachten."
„Eine gute That belohnt sich schon von selbst," sagte Frau Nischeck.
In seinem Schlosse zu Dresden saß der Churfürst von Sachsen und König von Polen, August der Starke, gefangen. Gefangen war Derselbe, der zinnerne Teller mit den Händen zusammenrollen, Hufeisen zerbrechen, Stierhälse auf einen Hieb durchtrennen und auf jeder Handfläche einen Menschen stehen zu lassen vermochte. Gefangen saß der Beherrscher mehrerer Millionen freier Unterthanen und zwar in den schlimmen Fesseln der — Krankheit. August II. saß wirklich, denn er hatte einen bösen Fuß, jedenfalls eine Folge seiner Unmäßigkeit int Essen, Trinken und Lieben. Nichts ist geeigneter, die menschliche Hoheit und Macht in ihrer Nichtigkeit erscheinen zu lassen, als Krankheit des Geistes oder des Leibes. August der Starke saß jetzt, ein schwacher, hinfälliger und hilfloser Mann mit einer Leidensmiene, in seinem weichen, vergoldeten Purpursessel und dachte seufzend der goldenen Tage seiner genußreichen Jugend. Theuer bezahlte Leibärzte kamen und gingen wieder, ohne daß sie dem königlichen Patienten hätten helfen können.


