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Der Bastard von Gemappe.
Historische Erzählung von g. Menk.
(Fortsetzung.)
So ost jetzt Pascal davon anhob, Plessts-les-Tours verlassen zu wollen, hatte der König Einwendungen dagegen; einmal sogar hieß er ihn unwillig schweigen. In dieser traurigen, bedrückten Lage war Clokilde die einzige Zuflucht des betrübten Jünglings. Er eilte so ost zu ihr, als er sich aus der Nahe des Königs hin- wegstehlen konnte. Das Mädchen wohnte auf einem benachbarten Dorf, denn das geräuschvolle Paris e(fette sie an, seit Pascal sortgezogen war. Eines Abends kehrte unser junger Freund später nach dem königlichen Schloß zurück, als gewöhnlich. Die Nacht wär bereits herabgesunkeu, und eine kleine Strecke Wegs von dem ehrwürdigen, alten Mann, dessen Schutz Pascal die Geliebte übergeben hatte, begleitet, verabschiedete er diesen jetzt freundlich am Saume des Waldes und schwang sich rasch auf seinen Rappen.
„Habt Acht, Herr Geheimschreiber!" r ef besorgt der Alte, „ich traue dem Weller nicht, der Wind geht stark, es ist ein Unwetter im Anzug und Ihr habt noch eine tüchtige Stunde zu reiten!"
„Seyd unbesorgt, Mesire Larivier," erwiederte Pascal dankend, „mein Thier kennt den Weg und Plessis-les- Tours naht sich auf Meilenweit kein Gauner. Beruhigt Clotilde und sagt Ihr eine gute Nacht."
„Er gab dem Pferde die Sporen und sprengte in das Dunkel des Waldes hinein. Der Alte hatte recht geahnet; der Wind brauste immer heftiger durch die gigantischen Eichen und schüttelte, ihre Kronen; endlich ging er in einen tobenden Orkan über und zugleich entluden die gewitterschwangern Wolken ihre Wassermassen und durchnäßten den einsamen Reiter bis auf die Haut. Gern wäre er wieder umgekehrt, aber er hatte den richtigen Weg verloren, und überdieß glaubte er sich nach stundenlangem Ritt dem Schlosse näher, als dem Dorf. Der -Sturm ließ endlich nach, die Blitze zuckten nur als Wetterleuchten und der Donner klang immer schwächer aus der Ferne herab. Das ermattete Roß schien zusammenstürzen zu wollen und schonend stieg Pascal ab, es am Zügel weiter führend,' während er sich mit dem Schwert eine Bahn durch das Gestrüpp hieb. Der. Mond trat jetzt hinter den schwarzen Wolken hervor und beleuchtete dem jungen Mann eine ganz fremde Gegend. Seitwärts war der Horst ein wenig gelichtet und die spärlichen Trümmer eines verlassenen Bethauses blickten einladend zu dem Verirrten hinüber. Pascal beschloß, hier den Tag zu erwarten. Das alte Gebäude war ganz zerfallen und nach dem hochstehenden Unkraut zu urtheilen, mochte seit Decennien sich keine lebende Seele demselben genaht haben. Wie erschrack der Jüngling, als er an dem zusammengestürzten Eingang eine menschliche Ge
stalt zusammengekauert erblickte! Das Roß stutzte, spitzte scheu die Ohren und wieherte ängstlich. Da erhob sich die fremde Gestalt langsam und maß mit einenz langen, furchtbaren Blick den erschrockenen jungen Mann. Dieser Blick machte Pascals Blut erstarren, sein Haar sträubte sich; so verwilrert auch dieser Fremde mit dem ungeheuren Bart, dem langen, schmutzigen Gewand, in welches der abgemagerte Körper gehüllt war, aussah, so bekannt kam er doch unferm Freund vor. Eine lange Pause verstrich, da traten Thränen der Wehmuth in des Unbekannten Auge; liebenv die Arme ausstreckend, rief er erschütternd:
„Hab' ich Dich endlich gefunden, Du Kind des Jammers und Schmerzes?"
Bei biefeih Klang der bekannten Stimme erwachten in Pascal alle Erinnerungen ter Jugend: außer sich vor Freude und Entzücken stürzte er in des Greises Ihr ine und fand im Uebcrmaß der Wonne lang keine Worte.
„Jst's möglich, Pater, theurer Vater!" sprach er endlich, wieder zu sich gekommen; „Euch finde ich in dieser entsetzlichen Wilvniß allein, und in welcher Lage? Sprecht, wo ist die Mutter, die geliebte Mutter, die ich nach Jahren schmerzlicher Entbehrung wieder an mein Herz zu drücken trachte? Wo seyd Ihr hingezogen, feit ich Euch verlassen? Ach, wie gern hätte ich Euch Theilnahme an meinem Glück gestattet, aber ich sand keine Spur mehr von Euch!"
„Sprich nicht davon," erwiederte düster der Alte. „Während Du im Uebermaß des Glückes schwelgtest, brach über uns das Elend in seiner traurigsten Gestalt herein. Alles, Alles dahin; auch das Theuerste, was wir Beide je besaßen, raubte mir ein grausames Geschick!"
„Um Gott, Vater, Ihr erschreckt mich!" rief entsetzt der junge Mann. „Ich kann es nicht fassen, was Ihr auszusprechen zögert: die Mutter, die thcure Mutter, wo ist sie? . . ."
„Fasse Dick, das Aergste zu vernehmen," sprach feierlich der Alte. „Jene Frau, die Du Mutter nanntest, ist nicht mehr, ihr Geist wandelt bereits seit einem Monat , in jenen himmlischen Räumen und blickt liebend auf Dich herab! ..."
Thränen entstürzten den Augen des Jünglings; auf's Tiefste erschüttert lehnte er das Haupt auf die Schulter des Vaters, nicht Worte findend, den namenlosen Schmerz, der fein Inneres zerriß, zu beschreiben.
„Hätte sich der Tod in jener sanften, versöhnenden Gestalt genaht," fuhr endlich der Greis fort: „ich würde nicht wider die Rathschlüffe des Ewigen murren; aber noch sträubt Entsetzen mein Haar, wenn ich bedeute , welche- Ungeheuer -die Unglückliche von meiner Seite rissen. O mein Sohn, Unerhörtes ist uns begegnet 11116 Du vermochtest uns nicht zu schützen!"
Entsetzt fuhr der Jüngling auf.


