Ausgabe 
3.11.1847
 
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auf der Straße Vorbeigehenden blieben dann oft hor­chend stehen.

Es dauerte nicht lange, so wünschte auch Rosalie von ihm noch weiteren. Musikunterricht. Bei Werner's ernstem Sinn und gesetztem Betragen trugen die Eltern kein Bedenken, dazu ihre Zustimmung zu geben. Ueb- rigens waren während der Stunden die Mutter oder Kinder meistens in der Nähe.

Aber, v'Himmel, wie ward es Werner., als er zum ersten Mal dicht neben dem - holden Mädchen am Clavier saß! Er mußte alle ihm zu Gebot stehende Fassung zusammenraffen, um die gleichgültige Rolle des Lehrers zu behaupten. Wenn n ihr den Finger­satz zeigte, und seine Finger die ihrigen berührten, so durchzuckte es ihn wie mit elektrischen Funken; oder wenn er Doppelsonaten mit ihr spielte und- ihre Locken sein Gesicht streiften, dann verging ihm säst Hören und Sehen. Und wenn sie erst sang und ihm in ihrer glockenreinen, ausdrucksvollen Stimme ihre ganze schöne Seele -unverschleiert entgegentrat, dann hätte er ihr um den Hals fallen und an ihren Küssen sterben mögen.

Auch Rosalien war in Werner's Nähe gar eigen zu Muthe. Genug, die Musik trug das Ihrige dazu bei, ihre, Seelen nach und nach enger und enger zu verweben, und wem« die Lippen sich zurückhielten, so redeten doch die Augen. Rosalie fühlte mehr und mehr, daß sie den Lieutenant Rosenfeld nicht liebte. Dabei hielt sie es jedoch für ihre Pflicht, ihm ihr ge­gebenes Wort zu halten, und die Treue gegen ihn nicht zu verletzen.

So liebten Werner und Rosalie einander, ohne es auszusprcchen, und ohne daß nur irgend Jemand davon eine Ahnung hatte.

Nach einigen Wochen verlangte Rosenfeld eines Tages, den Conunerzienrath allein zu sprechen. Der- Wechsel auf die 6000 Thaler war morgen verfallen. Keinen andern Ausweg vor sich sehend, gestand Rosen­feld dem Conunerzienrath Alles, und bat ihn noch­mals um Hülfe. Und da diesem gar zu sehr an einem adeligen Schwiegersohn lag, so machte er zwar Rosen­feld ernstliche Vorwürfe, doch verzieh er ihm endlich und zahlte diesmal selbst die 6000 Thaler an den Juden Jtzig.

Nach einiger Zeit bemerkt^ man an Harder ein ganz eigenes zerstreutes und hinbrütendes Wesen, das er mit Kränklichkeit entschuldigte. Doch schärfer blickende Augen wollten etwas Anderes dahinter vermuthen. Harder konnte oft in der Nacht nicht schlafen; er stand auf, schrieb, ging im Zimmer hin und her und sprach mit sich selbst.

Eines Tages fragte ihn die Commcrzicnräthin, was er denn auf dem Herzen habe. Und da theilte er ihr denn im Vertrauen mit, daß er sich durch mehrere mißlungene großartige Speculationen an den Rand des

Verderbens gesetzt sehe. Die Comnierzienräthin wurde vor Schreck über diese Nachricht fast ohnmächtig. Er sprach ihr Muth ein; es sey noch, nicht Alles verlorenz wenn er den in diesen Tagen ankommenden Bankier Villani aus Triest, um etliche -Wochen hinzuhalten vermöge, dann könne sich Alles. günstig wenden.

Nachdem der Lieutenant von Rosenfeld tählich in Harder's Hause gewesen war, blieb er plötzlich mehrere Tage aus. Rosalie konnte sich den Grund davon nicht erklären, sie sann hin und her, ob sie selbst viel­leicht die Ursache davon seyn könnte; doch konnte sie sich nicht entsinnen, ihn nur im Entferntesten beleidigt oder gekränkt zu haben. Endlich kam statt seiner ein Brief, welcher folgendermaßen lautete.:

Wetthestes Fräuleins

Ich war eine Zeitlang der Meinung, daß wir Beide mit einander glücklich werden könnten. Aber da heut zu Tag die Idee eines Glücks ohne Geld selbst aus den Köpfen einiger noch weniger phantastischer Poeten entschwunden ist, und ich in Erfahrung brachte, daß Sie in kurzer Zeit wahrscheinlich eben so arm seyn werden, als ich selbst, so mache ich mir ein Gewissen daraus, Ihnen noch ferner eine Liebe vorzuspiegcln, von welcher überhaupt mein Herz nie etwas wußte. Ich weiß, daß Sie auch gerade keine sonderliche Pas­sion für mich hatten. Der brave Candidat Werner, den Sie immer gegen mich lobten, dürfte Ihnen viel-' leicht unter den dermaligen Umständen am Besten con- veniren. Nach reiflicher llcberlegung wurde von mir jeder Gedanke an eine Verbindung mit Ihnen aufge­geben. Ich habe nichts, als Schulden, und Sic besitzen kein Vermögen mehr; ich bin an's Arbeiten, Darben und Hungern nicht gewöhnt, und Sie sind es auch nicht, und da liegt es denn wohl auf der Hand, daß es das Veste seyn wird, unsere bisherige Verbindung kurz abzubrechen." Es thut mir sehr weh, so offen sprechen zu müssen, aber offen war ich ja stets.gegen Sie Sie kannten meine Lage und meine Schulden. Hätten wir Beide zusamnien einige- hunderttausend Thaler im Vermögen, so bin ich überzeugt, daß wir recht gut zusammen passen würden; aber zwei nichts habende Wesen dürfen sich nicht lieben sie können nichts Klügeres thun, als einander vergessen. Genug, ich sage Ihnen hiermit., daß ich nicht mehr auf Sie reflectiren werde.

Leben Sie wohl!

Ihr

Rosenfeld."

Obgleich Rosalie den Lieutenant von Rosenfeld nie eigentlich geliebt, sondern ohne alle selbstständige Wahl nur ihren Eltern zu Liebe als Bräutigam an­genommen hatte, so versetzte sie doch dieser zwar offene, aber höchst herzlose Brief, in eine furchtbare Stim-. mung, und dieß um so mehr, als man sie über das