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Jedem jungen Manne wurde cS bei dem Anblick der „Rose von E ß l i n g e n" ganz anders zu Muthe; selbst Solche, die der Liebe abgeschworen hatten, fühlten in der Nähe des Mädchens ein gewisses Herzklopfen, ja, selbst Greisen kehrten Jünglingsenipfiii- dungen wieder.
Bei dem Zauber, der dem Mädchen inwohnte, konnte es nicht fehlen, daß sich ein mächtiges Heer von Anbetern aller Art um sie versammelte. Jndeß konnte sich Keiner von ihnen allen des Glücks rühmen, jemals von ihr einer besonderen Gunstbezeugung gewürdigt worden zu sein; sie war allerdings zwar gegen Jedermann freundlich und höflich, aber wenn sich einer in die Region von Liebeserklärungen verstieg, dann brach sie entweder kurz ab, oder machte einen ganz gleichgültigen Scherz aus der Sache. Weibliche Schönheiten sind oft kalter Natur. Ein solches Wesen schien auch Pauline zu sein. Denn sie verstand so gut, wie nur irgend eine, die Kunst, Schmeicheleien und süße Worte zu dem einen Ohr hinein und zu dem andern wieder herausgehen zu lassen; am allerwenigsten aber konnte sie sentimentale Liebhaber leiden, denen sie in ihrer Naivität oft auf eine ziemlich derbe Manier den Marsch machte.
Dcßhalb galt sie auch bald allgemein für ein kaltes, empfindungsloses Wesen, und hatte sogar manchmal von den Zurückgewiesenen spöttische Reden anzuhören, um die sie sich jedoch wenig kümmerte. Man nannte sie eine herzlose Kokette, die mit den edelsten Gefühlen nur ein schnödes Spiel treibe, ein eitles, hochmüthiges Ding, das vor Stolz nicht wisse, wo es hinauswolle u. s. w. Doch dies Alles geuirte Pauline nicht im geringsten; sie blieb sich immer gleich, und schien über alle dergleichen Bemerkungen erhaben. Auch vermochte dieses Geschwätz ihren Werth vor allen Unpar- theiischen um keinen Gran herabzusetzen; denn int Allgemeinen hatte sich die Stimme über sie dahin gebildet, daß sie das schönste und bravste Mädchen nicht nur von Eßlingen, sondern sogar vielleicht des ganzen Landes sei.
Es war an einem frischen Dezembermorgen, als ein junger Mann in grüner Tracht, mit dem Gewehr über dem Arm, in dem Gasthof zum Schwanen einkehrte und sich einen Morgenimbiß und Wein geben ließ. Pauline brachte ihm das Verlangte selbst. In Gedanken versunken, blickte er bei ihrem Erscheinen ein wenig apf, ohne sie jedoch, wie es schien, sonderlich zu beachten.
„Nein, ich kann sie nicht mehr lieben! Sie hat zu schlecht an mir gehandelt! Sie ist auch wie alle die Andern!" rief er aus als er sich zufällig allein sah. „Und muß es denn gerade eine - Caroline sein! Muß es denn überhaupt irgend Eine sein? Nein ich heirathe nie! Ich mag von dem ganzen waukelmüthigcn ungetreuen Geschlecht nichts mehr wissen! Ich sehe
Keine mehr an! Ach freilich, wenn ich Carolinen besäße, ich würde selig sein! aber pfui schäme dich deiner Schwäche, du verliebter Thor! Rotte jeden Funken von zärtlicher Empfindung gegen das schöne Geschlecht in dir aus! Sei ein Mann, und laß alle Weiber — Weiber sein!"
Noch hatte der Jägersmann seinen Schoppen Wein nicht angerührt. Erst als Pauline wieder eintrat, stürzte er denselben auf einmal zu ihrer Verwunderung ganz hinunter, und murmelte halblaut vor sich hin: „Fluch der Liebe!"
So wenig die- „R o s e v o n E ß l i u g e n" sonst von ähnlichen Gästen viel Notiz zu nehmen pflegte, so regte sich doch diesmal in ihr eine Art von weiblicher Neugier, die sie in das Zimmer fesselte.
Der Jägersmann schien aus Liebe in einer gelinden Verzweiflung zu fein; dieser Umstand war ihr interessant. Sie ergriff ein Zeitungsblatt, über das sic zuweilen zu ihm hinüberschielte. Er war in einem solchen inneren Allarm, daß er dies gar nicht bemerkte.
Auf einmal schrie er laut auf: „Ich erschieße sie; das wird das Beste sein!"
Die „Rose von Eßlingen," die das auf sich bezog fuhr erschrocken auf und wollte die Flucht ergreifen.
Der Jägersmann sprang jetzt gleichfalls empor, und sagte im sanftesten Tone zu Paul inen: „O verzeihen Sie mir, mein Fräulein, wenn ich sie erschreckt habe! Ich will nicht Sie erschießen, sondern eine Andere!"
„Aber, mein Gott, warum wollen Sie denn jene Andere erschießen?" fragte Pauline, welche nun blieb, um vielleicht ein Unglück verhüten zu können.
„Weil sie eine ungetreue Seele ist, und weil ich ein rabiater Kerl bin!" versetzte der Jägersmann. „Uebrigens wäre es mir lieb, wenn Sie sich um die Fragliche nicht weiter kümmern wollten, denn die Liebe geht immer nur zwei Personen an, zu denen S i e in diesem Falle nicht gehören!"
In diesem Tone hatte noch Niemand mit der „Rose von Eßlingen" gesprochen. Sie würde vielleicht jedem Andern auf eine so schnöde Abfertigung den Rücken gewendet haben, aber sintemal der Jägersmann einen mächtigen Knebelbart, kohlschwarzes Haar, einen trotzigen Blick und eine donnerähnliche Sprache hatte, so suhlte sie sich durch den halben Teufel mehr angezogen, als durch Männer, die ihr gegenüber die Engel spielen wollten, und doch vielleicht innere Teufel waren.
Sie richtete an ihn, was sie sonst bei Anderen nie zu thun pflegte, mehrere Fragen, die er zum Theil gar.nicht, oder höchst kurz beantwortete. Dieser Umstand steigerte ihr Interesse nur mehr und mehr.
Göthe sagt: „Wer beleidigt, der verführt." Dieses Wort bewahrte sich an der „Rose von Eßlingen" in vollem Maße. Gerade das abstoßende


