Ausgabe 
2.6.1847
 
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Unterhaltendes.

(Die Mutlosigkeit in unserer Zeit.)

(Schluß.)

Was nun die Muthlostgkeit in unfern Tagen zumal beim armen Bauern und armen Handwerker betrifft, fo hat sie bei näherer Prüfung zweierlei Ur­sachen: materielle und immaterielle. Weder die einen, noch die andern sind wegzustreiten. Es ist freilich traurig, wenn man statt des Geldes nur Schul­den und keinen Credit hat, und malt möchte fast wün­schen , daß es in dieser Beziehung bei uns wäre, wie in China. Wenn dort ein Gläubiger seinen Schuld­ner zur Zahlung bringen will, sendet er ihm einen Kerl in'ö Haus, der den saumseligen Zahler so lange ununterbrochen anstarreit muß, daß jener darüber in Verlegenheit oder gar in Verzweiflung geräth und bezahlt. Bei uitä würde dieß Niemanden in Ver­zweiflung bringen; bei uns ist es aber eben auch anders. Außer dem Geldmangel ist die nächste ma­terielle Ursache der zunehmenden Muthlostgkeit der Mangel an guter Kost. Ein gutes Mittagsmahl ist der wahre Lebensnerv, es gibt Kraft und Kraft gibt Muth.--Wo aber keine Frucht im Hanse, keine

Milch int Stall und kein.Fleisch im Topfe ist, da sinkt der Lebensmnth und düstere Gedanken bemeiftern sich zumal des gewöhnlichen Menschen, dessen geringe Kenntnisse nicht hinreichen, sich selbst, seinem Ver­trauen auf Gott und auf eigene Kraft einen Auf­schwung zu geben, obwohl er int Uebrigen erträgliche Kenntnisse von seiner Handthierung, von seinem Fach oder Geschäft besitzen mag; denn was sich hierauf nicht bezieht, geht über feinen Horizont. Alles Geistige wird ihm zum Tode gleichgültig. Am liebsten spricht er vom Wetter, vom Kornmarkt, von Haushaltungs­und sonstigen ökonomischen und Geschäfts-Sachen und von Familien-Angelegenheiten. Wenn es nun aber wie es in schlimmen Tagen zu gehen pflegt in der Familie elend aussieht, wenn das Geschäft stockt, wenn die Haushaltung mehr rückwärts als vorwärts kommt, wenn man weder Etwas zu Markt bringen, noch Etwas, weil AUeS zu t(jener und nirgends Geld ist, aus dem Markt kaufen kann, dann bemächtigt sich solcher guten Leute natürlich die^ Muthlostgkeit, insbe­sondere wenn wie es der Fall ist zu den er­wähnten materiellen auch noch immaterielle Ursachen dieser Muthlostgkeit kommen, welche alle aus den Mangel an Selbstvertrauen, auf den Mangel an Ver­trauen zu Dem, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, und auf den Mangel an gegenseitigem Vertrauen hinauslausen. Wer zur Beseitigung dieser drei Hauptmängel Etwas beizutragen im Stande ist, der wird auch zur Rückkehr eines freudigem Muthes unter den Menschen beitragen. Cs ist rin alter, aber wahrer Spruch;Dem Muthigen Hilst Gott!"- Und wieder ein alter Kernspruch lautet:

Thu' auf das Maul, Sry nicht fo faul; Ans leerem Faß Wird Niemand naß; Schenk felbst mit ein, Willst Du vom Wein Du mußt fein feiger Tölpel fepn.

Muthlostgkeit ist Mangel an Selbstvertrauen. Wer die Hände im Schooß nichts als klagt und jammert und über nichts mehr sich einen Gedanken zutraut, als über feine böse Lage, wer jede Hoffnung an den Nagel hängt und der Verzweiflung sich in die Arme wirst, ein solcher nützt kaum mehr zu Etwas in der Well und kann weder seiner Frau noch seinen Kin­dern, noch sich selbst Helsen; er ist sich und Andern zur Last. Wie das Gold int Feuer, so bewährt der Mensch sich in der Noch. Unsere Vorfahren bestanden mu.hig ungleich schlimmere Zeiten und hinterließen uns dennoch manche schöne Stiftung, manches großartige Vermächtniß, dessen Genuß an gar vielen Orten nicht wenig zur Linderung der Noth der Gegenwart beizu­tragen vermag. Freilich lassen sich die Ursachen un­serer Klagen nicht wegläuznen, aber an vielen sind unsere zu einer unsinnigen Höhe getriebenen Bedürf­nisse , unser Zusammenleben voll Eigennutz, Neid, Geiz, Mißgunst, Lieblosigkeit, Wortbrüchigkeit, und unser Mangel an wahrem frommem Gottvertrauen Schuld. Diese Mängel suche man zu beseitigen und zu bekämpfen, denn sie taffen sich beseitigen, und gerade in dieser uns zustehenden Kraft ist die Quelle verborgen, die wir nur gleich einem Moses aus dem in seinen Vomrtheilen erstarrten Felsen der Gegenwart Hervorrufen dürfen, um damit ein ganzes Volk in der Wüste seines Elends zu erquicken.

Die Rose von Eßlingen.

Original Novelle.

1.

Vor zweihundert oder noch mehr Jahren lebte in der guten alten Reichsstadt Eßlingen ein Mann Na­mens Koch, der unter andern Kindern eine Tochter hatte, die man ihrer wunderbaren.Schönheit wegen nurd ie Rose v o n E ß l i n g e n" nannte. Da Herr Koch damals Gastgeber zum S ch w a n e n war, und sich dieses Haus vor allen eines großen Zulaufs erfreute, so hielt es nicht schwer, die weit und breit berühmteR o f e von Eßling e n'* zu Gesicht zu bekommen. Einheimische wie Fremde wandten sich dorthin, um die reizende Pauline zu sehen. Denn schon vor Olims Zeiten war ein schönes Mädchen eben fo gut wie jetzt in einer Wirthschast ein Magnet, der Gäste anzog, besonders die männ­lichen , denen jedoch auch die weiblichen oft aus Neu­gier folgen.