to Giesstsche wöchentlich - gemekrmStzige Anzeige» dem kleinsten Verdachte eines persönlichen Hasses mit der äussersten Sorg» falt in acht nehmen? er soll niemals die gcheimen Chronicken von den Familien seines Orts, sondern die allgemeine Geschichte des menschlichen Herzens ausschreiben; er soll von hundert Personen die Züge entlehnen, NM ein Portrait zu verfertigen, das mit vielen eine Aehnkichkeit hat, und keinem vollkommen gleich steht; er soll sich von seiner Unpartheylichkcit, wenn es-nöthigist, hinlänglich rechtfertigen können, und auch dieses Lasier, ich meyne die vorwitzige Auslegungskunst, zu bestreiten suchen - - Wenn er aber immer noch nichts damit ausgerichtet hat , wenn man deswegen doch fortfährt, das zu errrathen, was er selbst nicht gewußt hat, wenn die geschwätzige Verläumdung doch nicht schweigt ? - Nun, so muß er stch auf sein gutes Gewissen verlassen, und wenn es der Himmei so be- - schlossen hat, ein Märtyrer der Wahrheit werden können. Freylich iss das ein trauriger, ein verlaßner Orden, der noch kein Band und keinen Stern aufweisen kann, und dessen Ritter gemeiniglich auf dem Strohe - Hungers gestorben sind!
Diese schwermüthigen Gedanken hielten auch uns bisher zurücke, un» lern Lesern etwas mirzutheilen, das ihnen sehr erbaulich hätte seyn können. Einer von unfern Freunden, der vor zwey Jahren in Hamburg starb, bin* terließ unter andern Papieren ein Buch, welches „Erfahrungen,, überschrieben ist; und zu dessen Verfertigung ihm seine sechsjährigen Reisen, die er mit vieler Klugheit gethan hat, den reichsten Stoff darbieten konnten. Er schildert darinne die Sitten und die Handlungen vieler Personen, die er in auswärtigen Städten hat kennen lernen, und das Buch war eigentlich zum Gebrauche eines jungen Herrn bestimmt dessen Führer er gewesen ist. Wir fanden einige Charaktere in demselben, bey denen uns eine allzugewissenhafte Furchtsamkeit anwandelte, die uns auch von der Bekanntmachung des ganzen Buchs zurückhielt, das vielleicht einigen anstößig, aber doch sehr vielen nützlich seyn konnte. Wir haben über diesen unbeträchtlichen Zweifel gesiegt, und besitzen nun Muth genug , dieses Merck unfern Lesern völlig mitzutheilen. Denn so hatte es, dachten wir,' niemals em Autor wagen dürfen, die Laster abzumahlen, weil er immer in Gefahr gewesen wäre, seinen lasterhaften Nachbarn zu treffen. Und soll denn nicht allemal ebenderjenige gemchnt seyn, der stch getroffen findet? Ist eS nicht die leichteste Sache, Charaktere, die vor etlichen Jahrhunderten ausgezeichnet sind, auf Leute zu deuten, die noch gegenwärtig leben? Rabrm hat uns BewG davon gegeben; und man findet noch täglich Bey- spiele


