Ausgabe 
25.8.1767
 
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Giesische wZchemlr'ch- gemerttnützige Anzeigen

-weiflung wegen versagter Gegenliebe von einem Felsen herabgestürtzt hat, vielen ein rechter Ernst gewesen. Doch dem sey wie ihm wolle, so deucht mich, daß es ein sehr schlechtes und widersinniges Mittel sey, seine Gelieb­te zu bewegen, wenn man ihr sagt, daß, man sich ermorden wolle. Wenn es der Liebhaber damit ernstlich meynt, was kan sie anderst drucken , als daß er bereits seinen Verstand völlig verlohren habe ? und wie ist es ihr möglich, einen solchen Narren ihrer Gegenliebe zu würdigen? Oder verbin­det sie etwa die christliche Liebe einem Menschen, der aus freyem Willen rasend wird, das Leben zu retten? Ist es ein blosses Vorgeben, so muß er sehr einfältig seyn, daß er seine Geliebte mit diesem abgenutzten Kunstgriff zu hintergehen glaubt: oder sie muß den Verstand schon fclbfl eingebüßt haben, wenn sie einen Menschen lieben kan, der von sich selbst gesteht, daß ihm nichts mehr übrig sey , als seinen Rumpf an einen Eichbaum zu hencken.

Ueberhaupt ist eS eine Thorheit,verliebt zu werden, wenn auch schon der­gleichen grobe Ausschweifungen unterbleiben. Eine Person des andern Ge­schlechts zu lieben und mehr zu lieben als alle andre ihres gleichen, mehr zu lie­ben als seine nächsten BlutsVerwandte, ist an und für sich nicht sträflich. Aber diese Liebe zu einer Leidenschaft und zu einer Heftigkeit anwachsen zu lassen, ist immer eine grosse Thorheit, wenn man auch weiter keine Gefahr dabey zu befürchten hätte, als in der Hitze der Leidenschaften ohne die gebührende Ueberlegung zu handeln und die Fehler der geliebten Person zu übersehen. Denn ohne diesclbige wird sie wohl nicht seyn, und wenn man ihrer hernach, wenn die Heftigkeit nachgelassen hat, gewahr wii d, so stellen sie sich unfern Augen nicht selten viel gröser dar, als sie in der That sind.

Man hat bey dieser Meynung nicht zu besorgen , daß ins künftige weniger Heurathen geschloffen, und die Welt endlich gar aussterben möch­te. Nein! Man kann und wie ich glaube, man sott heurarhen, ohne ver­liebt zu seyn. Wenn man die Umstände in denen man sich befindet \ genau ZU Rath zieht, und hernach eine Perlon wählt, von der man wahrscheinli­cherweise glauben kan, daß sie sich zu uns schickt, so kann es eine recht glückliche Ehe werden, ohne daß beyde Gatten jemals in dem eigentlichen Verstand in einander verliebt werden. Ihre Liebe ist keine Heftigkeit und keine Leidenschaft, sondern ein wenig stärcker als die sogenante Liebe der Freundschaft. Ihre Tage fliessen dahin wie ein stiller Vach durch lieb­liche Wiesen. Im Gegentheil ist das Leben eines Verliebten wie ein von einem Ungewitter angelaufener Strohm, der alles mit sich dahin reißt