Ausgabe 
8.12.1767
 
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z88 Giessische wöchentlich - gemeinnützige Anzeigen weis, Sie sind zu billig, als daß Sie mir diele kleine Beforgniß übel nehmen sollten. Vielleicht würden Sie sie loben, wenn sie bedenken woll­ten, wie viel Vergnügen mein Geschlecht auf einmal entbehren müßte, wenn ich ihm die Erlaubnis, mit Frauenzimmern zu correspondirm, gänzlich ver­sagen wollte. Es ist gewis ein eben sögrdses Vergnügen, als es ein Glück für eine Mannsperson ist, wenn sie sich mit edeidenkenden Frauenzimmern schriftlich unterhalten kann. Wie grausam müßte ich also seyn, wenn ich meinem Geschlechte diese Erlaubnis gänzlich absprechen wollte, besonders da es sich schon durch so viele Jahre hindurch in dem Besitz dieser Erlaubnis erhalten und Ihr eignes Geschlecht ihm die Rechtmäsi'gkeit desselben, wenig­stens stillschweigend, zugestanden hat. Und vielleicht würde ich selbst am meisten dabey verlieren, wenn ich ein so grauiames Urtheil gegen mein Ge. schlecht^MgupL Wrechen wollte. Nein diese Grausamkeit können das gnädige Fräulein von mir nicht fordern.

Indessen mutz ich mich doch, wie ich sehe, zu etwas entschliefe!: Und twi? ©OTMW überhaupt jeden Briefwechsel zwischen unvcrhcyra- theten Personen beydertey Geschlechts billigen? Das würde ich recht, sehr gerne thun, wenn ich nicht befürchten müßte, daß Sie mir taufend trau­rige Erfahrungen entgegen setzten, welche deutlich beweisen, daß ein lol- cher Briefwechsel schlimme Folgen nach sich gezogen und zu vielen Thor- heiten und Ausschweifungen den ersten Grund gelegt hat. Ja, gnädiges Fräulein, ich weis es gar wohl, daß sich mancher irrende Ritter, mancher leichtsinnige Petitmaitre, mancher unbesonnene Jüngling dadurch den Weg gebahnt hat, verbotne Neigungen zu befriedigen und mit allerlei) Schmci- cheleyen die Unschuld zu verführen. Das alles weis ich wohl und ich glau­be deswegen auch, daß ein Frauenzimmer allzeit einen gewagten Schritt xhun kann, wenn es sich ohne alle Ueberlegung mit einer Mannsperson in einen Briefwechsel einläßt. Es wagt sehr viel, weil es immer befürchten muß, daß ihm der schamlose Brief allzu verführerische Schmeicheleyen vor­sagt, welche gefährliche Leidenschaften leicht rege machen können. Und wenn diese ein Frauenzimmer einmal anhört, wenn es noch überdieses die Briefe mit Vergnügen beantwortet, worinn man ihm übertriebene Lob­sprüche beylcgt, wodurch Stolz und Eitelkeit ihre Nahrung finden und das Herz gegen die liebenswürdige Tugend nach und nach gleichgültig ge­macht wird : dann ist freilich der Sieg über seine Unschuld nicht weit mehr entfernt, dann kann es gar nicht fehlen, daß ein solcher Briefwechsel nicht böse Wirkungen verursachen sollte. Wenn ich ferver bedenke, daß es un­ter