so Giesische wöchentlich- gemeinnützige Anzeige»»
der Canzel zu verbannen, ich will nicht einmal an das gänzliche Verstummen gedenken, das manchmal jungen und ungeübten Predigern einfallen und ihnen und ihren Zuhörern eine Art von Todesangst austreiben kann. Auserdem würden die Religionsspötter weniger Ursache finden, unfern GottesDienst zu verachten und der Vortrag des Göttlichen Worts würde gewis unter den Christen selbst beliebter werden. Einer von meinen Freunden, ein sehr geschickter und würdiger Priester, sagte mir einmal, daß dieses zugleich ein achter Probirstein wäre, woran man die Geister prüfen könnte, und er glaube, daß es den Predigern mannigfaltige Vortheile gewahren könnte, wenn bey der Kirchenvisitation oder ihrem jedesmaligen Convent auch ihre Predigten könnten visitiret werden. Ich weis nicht, ob dieser Einfall meines Freundes allen Predigern so gut gefallen möchte, als er mir gefallen hat, und ob sie eben so sehr wünschen, daß er möchte ausgeführt werden, als es mein Freund wünscht. Doch ich bin ja auch kein Prediger und mein Freund ist ein ganz ungewöhnlicher Mann.
Ehe ich schlieft muß ich noch einige Meinungen widerlegen die man in meiner heutigen Gesellschaft wider das Ableftn der Predigten vorbrachte. Man meinte, der Prediger könnte beym Ablesen nicht die gehörigen Bewegungen machen, nicht den Nachdruck auf die rechten Worte legen und nicht genug von Herzen reden. Ich halte diesen Einwurf für sehr' geringe und glaube vielmehr, daß ein Prediger dieses alsdann erst kann, wenn er seine Rede abließt. Es ilt auch ganz natürlich. Denn er hat, indem er seine Predigt aufschrieb, seinen Gedanken einen viel höhern Schwung geben und sich zu allen Bewegungen bey diesem oder jenem Ausdruck vorbcmten können. Er kann also schon vorher wissen, auf welches Wort er einen be- sondern Nachdruck legen, wo er in Eifer und in Flamme gerathcn, ob er diese oder eine andre Stellung annehmen, ob er diese oder eine andre Bewegung machen müsse. Dies fällt aber beynahe ganz weg, wenn man seine Predigt nicht abließt, weil man bey der Wahl der Worte sehr leicht die Wahl der Gebehrden und Bewegung vergessen und solche Stellungen annehmen kann, die sich zur Sache gar nicht schicken. Und besonders wird der Schwung sehr oft dadurch verhindert; denn man hat nicht Zeit genug, die Worte in die gehörige Ordnung zu setzen, daß die Rede dadurch den Schwung bekommt. Man wählt bald ein Wort mehr, bald eins weniger, bald ein kürzeres, bald ein längeres, wodurch nothwendiger weift der Schwung unterbrochen werden muß. Kaum werden die allergrößten Redner im Stande seyn, sich immer im rechten Torre, in der gehörigen anständigen


