vnö Nachrichten. 59

Predigt abließt. Sollte die Quelle dieser Urtheile nicht blose Vorurtheite seyn?

Vsrs zweite scheint es die Wichtigkeit der Wahrheiten, die der Prediger verkündigt, zu erfordern, daß er sie aufschreibt und herließt. Denn wenn Wahrheiten verdienen, ordentlich, deutlich, überzeugend und mit allem möglichen Schmuck vorgetragen zu werden; so sind es gewis die Wahrheiten unsrer allerheiligsten Religion. Nun ist es aber ganz natürlich, daß kein Prediger, er mag feine Materie vorher noch so gut durch gedacht haben, im Stand ist, alle Worte, alle Gedanken und Redensarten, die er zu Hause für die schicklichsten hielte, auch auf der Canzel in eben der Ordnung, in eben der Schönheit und Starke vor zu bringen, er müßte sie dann von Wort zu Wort auswendig gelernt haben. Dazu gehört nicht allein sehr viel Zeit; sondern auch ein auserordentliches Gedächtnis. Wer kann aber dieses immer von einem Geistlichen fordern? Ware es also nicht unendlich besser, daß er diese schicklichen Worte, diesen schönen in seiner völligen Starcke ausgedruckten Gedanken, der jedem Zuhörer deutlich und vor allen andern der Sache angemessen ist, aufgeschrieben hätte und ablesen könnte, statt daß er jetzt, wenn er auf die Canzel kommt, seine Zuhörer durch Geburtsschmerzen ängstigt, bis ihm das Wort wieder einfällt, das er sagen wollte, oder wohl gar an dessen statt in der Eile ein anderes wählt, das unedel und pöbelhaft, oder schwülstig und unverständig ist? Es ge­schieht vielleicht nur allzu ost, daß man aus Vergessenheit, aus Verwir­rung und Unachtsamkeit unanständigeWorte, ja zuweilen falsche Gedanken, die der Religion nicht selten sehr viel schaden, und den Feinden derselben nur neue Gelegenheiten zu Spöttereyen geben, in die Predigt mit emfiie- sen laßt. Und woher kommen manchmal die vielen Wiederhohlungen ein und eben derselben Sache anders, als daher? Man lasse aber den Prediger seine Rede aufschreiben; so wird er jeden Gedanken, den er vortragen will, genau prüfen, er wird ihn mit den schönsten Worten, die er finden kann, ausdrücken, und wenn er seine Rede abließt, wilder von keinem Geräusch, von keinem fremden Gedanken in der Ordnung und in den Beweisen unter­brochen werden, Und überdis wird man ihn auch als dann viel eher zur Rechenschaft fordern können, wenn er einer falschen und irrigen Lehre be­schuldigt wird.

Ware es also nicht vernünftig, daß man das Ablesen der Predig­ten einführte? Villeicht wäre es ein sehr bequemes Mittel, viele schlechte Predigten oder doch wenigstens das unanständige Stottern und Husten von

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