Nttd Nachrlcheett. 19t
ihn reden hört, man fast glauben solte, wir lebten noch in irgend einer griechischen Republick. Er kann nicht einsehen, daß die französische Sprache dem grösten Haufen weit nöthiger zu wissen seye, obgleich ein Gelehrter in jener Sprache auch nicht ganz fremd seyn darf. Nach dergleichen Vor« urtheilen der Lehrer oder der Aufseher werden die Schulen fast durchgehends eingerichtet: und es ist daher kein Wunder wenn mancher junge Mensch sich Jähre lang auf einer Schule aufhält, und bey allem Fleiß doch von demjenigen, weswegen er eigentlich hingeschicket worden, wenig oder gar nicht- erlernt. An einem -Orte wird das Rechnen bis zum Ekel getrieben, an ei« nem andern denckt man gar nicht dran. Die Musick findet an vielen Orten nicht die geringste Achtung, an andern hingegen wird sie übertrieben: Alles sieht Notenmäßig aus: Alles wird erlernt bis auf die lächerliche Geberden , die die meisten Tonkünstler an sich haben. Ein Tanzmeister wird an vielen Orten für eine weit unentbehrlichere Person angesehen, als ein Lehrer, der der Jugend die gelehrte Sprachen, die Geschichte oder die Weltweisheit beybringt: An andern hält man das Tanzen für eine Sünde. Auf einigen Schulen ist gar keine Gelegenheit zur Mathematick: auf andern aber wird der Kern aller Weisheit in Winkeln und DreyEken vorge- tragen. Demjenigen der ein wenig Erfahrung hat, wird es nicht schwer seyn, sich auf mehrere Veyspiele dieser Gattung zu besinnen.
Auf den hohen Schulen geht es nicht viel besser. Es kommt fast alles darauf an, zu was für einem Lehrer man anfänglich geräth, was des- ftn Lieblings Neigungen sind, und wie gros das Zutrauen ist, das man zu ihm hegt. Versteht er alsdenn zum Exempel wenig von der Philosophie oder Historie, so verachtet er sie, und preißt blos solche Sachen an, die er entweder in seinen Vorlesungen vorträgt, oder die er doch am meisten liebt. Der junge Zuhörer folgt ihm um so begieriger, je gewisser er glaubt daß es sein Lehrer besser verstehn müsse als er: und wird vielleicht kaum zu Ende seiner Universitäts.Iahren zweifelhaftig, ob sich die Sachen auch in der That so verhalten, und er nichts wichtiges aus der Acht gelassen habe.
Ich mache hieraus verschiedne Folgen. Ein rechtschafncr Lehrer so wohl auf hohen alS niedern Schulen muß die Gelehrsamkeit im Ganzen übersehen und nicht nur wissen, was dieser oder jener Gattung von Studirenden vorzüglich nöthig ist, sondern auch den Studirenden überhaupt und ohne Voraussetzung besondrer Umstände betrachten , damit er von dem Werth der Wissenschaften, Künste und Lebensarten ein richtiges Urtheil fällen kann. Denn es sind drey Fragen, welche Himmelweit von einander unterschieden


