Ausgabe 
4.2.1766
 
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genauer auf diese frömme Mine acht. Sie schielt manchmal, wenn sie am andächtigsten zu seyn scheint, auf ihre Nachbarin mit verstohlenen Blicken. Ihre Aufmerksamkeit ist bloss Verstellung und Heucheley. Sie beschäftigt sich während der Predigt mehr mit dem Putze und den verschiedenen Trachten, womit die übrige Frauenzimmer in der-Kirche erscheinen, als mit dem Vortrag des göttlichen Worts. Sie weis den Anzug eines jeden vom Kopf bis auf die Füße an den Fingern her zu erzählen. Selbst die Kleidung einer Viehmagd in der Kirche ist ein Gegenstand ihrer Betrach­tung. Sie nahet sich oft dem Tisch des HErrn; allein ich wollte es kei­nem Frauenzimmer gerathen haben, das, von geringerem Stande, als sie ist, ihr den Vorzug rauben wollte. Sie würde es für das hochmüthigsie und unbelebteste Geschöpf in der Welt halten. Sie ist kaum aus der Kirche in ihre Wohnung gekommen; so fängt sie schon an, sich über jeder­mann aufzuhalten, alles um sie her ist nicht an seinem rechten Orte, ein Kreuzertopf den die Magd zerbrochen hat, ist vermögend, sie in die größte Wuth zu bringen, der kleinste Fehler, den ihre Kinder begehen, bewegt sie, sie zu verfluchen, sie ist mit sich und allen Menschen unzufrieden, und beweißt den Satz: daß man unter der Larve der Tugend das boshafteste und grausamste Herz verbergen kann. Clarinde sucht dadurch andre zu be­trügen, und zu ihrer Strafe betrügt sie sich selbst. Ihr unermüdetes Ren­nen in die Kirche wird GOtt für keinen Dienst ansehen.

Die junge Aman'Uis / Clarindens künftiges Ebenbild, geht selten m die Kirche, und wenn sie hinein geht; so geschieht es blos, um ein neues Kleid zu zeigen, um ihren Liebhaber daselbst anzutreffen, mit ihm die ganze Predigt hindurch zu lachen, mit den Augen zu winken, und überhaupt sich über die Andacht der Einfältigen- hinaus zu setzen. Vielleicht würde sie an diesem heiligen Orte noch schändlichere Dinge begehen, wenn sie versichert wäre, daß es vor den Augen der Welt verborgen bliebe. Sie scheint es, wie eine gewisse Art von Jünglingen, für eine Schande zu halten, in der Kirche sich mit der Betrachtung des allerhöchsten Wesens zu beschäftigen. Wir wünschten, daß Amarillis mit ihren Liebhabern gar nicht mehr den Tempel des Allerheiligsten besuchte; Sie stört andre nur durch ihre unge­sittete und leichtsinnige Aufführung in ihrer Aufmerksamkeit. Und auser- dem kann sie keinem Menschen zumuthen, daß er glauben sollte, sie sey in die Kirche gekommen um OOtt zu dienen.

Almansor würde vielleicht nie in die Kirche gehen, wenn er sich Nicht vor der Welt schämte. Denn er ist so unwissend in der Religion, E r daß