Ausgabe 
29.1.1765
 
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uns, so viel/' als es nur unsre Pflichten verstatken. nach den Neigun­gen und der Denckungsart unserer Nebenmenschen zu richten. Sie wirkt mithin auch die Höflichkeit. Und diese ist eine von den Eigenschaften, die einen Menschen am meisten zieren. Sie macht uns bey denen liebenswür­dig die höher als wir sind, sie verbindet uns mit denen, die uns gleich sind, genauer, und erwirbt uns die Verehrung und Hochachtung der Niedri- gern. Kurz sie macht uns beliebter, als alle Einsichten und Wissenschaf­ten. Allein du mußt dich zugleich in acht nehmen, daß du deine Höflich­keit nicht zu weit treibest, daß du nicht in das Schmeichelnde, in das Nie­derträchtige und Tumme verfällst. Die Höflichkeit hat ihre Schranken und man'muß wissen, wie weit sie gehen kann und gehen muß, wenn sie beliebt machen soll. Wenn sie übertrieben und'kriechend ist, so wird sie rumm und unangenehm und zieht uns eher Verdruß, als Liebe zu. Man muß das Mittel wählen zwischen dem Unangenehmen der Schmeichele»-und dem Verhaßten der Unhöflichkeit.

Du mußt aber auch verschwiegen/ aufrichtig und ohne Falsch­heit seyn. Dadurch wirst du dir immer die Liebe und das Vertrauen de- rerjenigen erwerben, mit denen du umgehst, besonders wenn du dabey zu­gleich klug und bescheiden, d. i. wenn du in deinen Reden eben so behutsam, als in deinen Handlungen bist, Vermeide demnach den gewöhnlichen Feh­ler der Menschen und besonders des weiblichen Geschlechts, daß du nie in einer grvsen Gesellschaft, es sey denn bey deinen allervertraukesten Freunden, von einem Menschen, wer er auch sey, übel urtheilest. Ein Plauderer, ein Verleumder, ein Lügner, wird von jederman verachtet und gehaßt; Und überdies findet ja ein jeder Mensch so viele Fehler an sich selbst, die er noch zu verbessern hat, daß es ihm lieb seyn muß, wenn man nicht eben das an ihm tadelt, wodurch er andre verächtlich macht. O unter­suche dich ja erst selbst, ehe du einen andern richten wiAst.

Durch Gütigkeit/ wohlrhätigkeie und Dienstfertigkeit wirst du dir unfehlbar einen freien Zugang zu den Herzen der Menschen cr- ifnen. Wenn du diese vortrefliche Eigenschaften an dir hast; denn wird man dich so gar in der Abwesenheit und ohne dich.persönlich zu kennen, lie­ben , und deine Gegenwart oder persönliche Bekanntschaft wird nur die Liebe erhöhen und befestigen, die schon der Ruf von dir in den Herzen er­weckt hat. Dabey aber vergiß nicht dankbar gegen alle Ehre und Liebe zu seyn, deren man dich würdigt. Die Undankbarkeit ist dasjenige unter al­len Lastern, das die größte Verachtung und die empfindlichste Dtrafe ver­dient.