474 Gr'esische wöchentlich gemeinnützige Anzeigen
Man darf nicht lange nachdenken, um die Ursachen dieser Seltenheit, und die stärksten Hindernisse zu entdecken, ohne deren Ueberwindung niemand ein wahrer Freund werden kann. Sie liegen in uns selbst, diese Hindernisse. Es sind vornehmlich unsre Leidenschaften, denen wir zu viel Gewalt über unser Herz einraumen. Diese versperren uns den Weg zum Tempel der Freundschaft. Diese halten uns entweder ganz von den Pflichten ab, die wir unfern Freunden schuldig sind, oder sie machen sie uns doch wenigstens sehr schwer.
Die Pflichten der Freundschaft erfordern, daß man seines Freundes Ehre zu seiner eignen macht, daß man sich freuet, wenn derselbe von einer Ehrenstufe zur andern empor steigt und von jedermann hochgeschätzt wird, daß man eben so sehr sein Freund im Unglücke als im Glücke bleibt, daß man demüthig, bescheiden, keutseelig und nicht aufgeblasen von seinen Vollkommenheiten ist, daß man sich willig von seinem Freunde bessern laßt, und daß man ihm nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Pflicht Gefälligkeiten erzeigt. Ist aber wohl r zum Exenrpel, ein Hochmütiger, ein Stolzer oder Ehrgeiziger im Stande, diese Pflichten zu erfüllen? Man würde zu viel von ihnen fordern, wenn man ihnen zumuthen wollte, daß sie alsdann noch mit ihrem Freunde umgehen sollten, wenn sich seine Glücksumstände verändern untP wenn er von andern ungerechter Weise entweder verachtet oder verfolget wird. Sie sind nur unsre Freunde, so lang es uns wohl geht Im Unglück verbergen sie sich, weis sie sich unsrer schämen, und weil es ihrer Ehre zuwider seyn würde, ihre Freundschaft gegen einen Mengen fortzuse- zen , der sich nicht so prächtig, als sie, kleiden kann. Allzu sehr von ihren Vorzügen eingenommen, bilden sie sich ein, von allen Fehlern frey zu seyn, und wenn man die wichtigste Pflicht der Freundschaft erfüllen und ihnen ihre Fehler zeigen will, damit sie sie in zukunft vermeiden sollen, so setzt man sich der. Gefahr aus, von ihnen für einfältig, für ungerecht, für raoelfüchtig gehalten zg werden. Ist ihr Freund so glücklich, daß er zu einer Ehrenstelle erhoben wird, so beneiden sie ihn, wird er von jemand grös- rer Hochachtung als sie, würdig gehalten; so werden sie eifersüchtig und misvergnügt über ihren Freund und über alle, die sie nicht liebenswürdiger und vollkommener, als denselben ansehen wollen. Zur Verzeihung sind sie gar nicht aufgelegt, man darf ihnen nur die geringste Beleidigung zu- sügenso sind sie schon unsre Todfeinde. Die Gefälligkeiten, die sie ihrem Freund erweisen',' sind gezwungen, geschehen aus der Absicht, um sich AM ihn verdient zu machen, ohne zu bedenken, daß sie nichts als ihre nrj-i < : Pflicht


