und Nachrichten. 197

stnheit und Gefälligkeit ausbreiten sollen. Es ist nicht genug, daß man die Schriften der Alten und Neuern nur ließt, um sie gelesen zu haben, um feine Wissenschaften zu erweitern, und mit einer ausgebreiteten Belesenheit prangen zu können. Es ist nicht genug, daß man die Schönheiten dersel­ben zu entdecken, daß man ihre Gedanken zu beurtheilen weis. Es ist nicht genug, daß man sein Gedächtnis mit schönen und ausgesuchten Re­densarten schmückt, dass man alle Oden des Horaz, daß man den gan­zen Homer, daß man einen Cicero, oder einen Seneca, daß man ei­nen Klopstock, einen Cramer, einen Gellert oder einen Rabener mit dem blossen Gedächtnisse studiert. Man kann sich Tag und Nacht mit ihnen beschäftigen; man kann sein Gehirne mit dem anmuthig- sien Bildern, mit den schönsten Gedanken angesüllt haben, man kann die Meisterstücke der.alten und neuern Dichter, Redner und Mora­listen auswendig wissen und auch ein Geschick besitzen, sie mit Geschmack zu beurtheilen, man kann seinen Verstand durch Nachdenken, durch Aus­spähung der Schönheiten, durch Untersuchung des Wahren und deS Falschen, des Edlen und des Unedlen, des Niedrigen und des Er­habnen geschärft haben, und dem ohnerachtet immer noch ungesittet, mürrisch, zanksüchtig, hochmüthig, niederträchtig, man kann immer noch ein Wollüstling, ein Pedant, ein seichter Kopf bleiben. Wie viele Vey- spiele davon findet man nicht allein in der Litteratur, sondern auch im Um­gänge l Wie viele, denen man das fähigste Genie und eine ungemein gross Belesenheit in den Werken der alten und neuern Autoren zugestehen muß, haben nicht durch die ärgerlichsten Schriften eine unedle und lasterhafte Denkungsart verrathen? Wie viele, denen man eine weitläuftige Gelehr­samkeit und eine genaue Bekanntschaft mit den alten und neuern Meistern in den schönen Wissenschaften nicht absprechen kann, bleiben nicht unerträg­lich in Gesellschaften, unhöflich und mürrisch im Umgang, bäurisch und ekelhaft in ihren Gesprächen und boshaft und niederträchtig in ihren Gesin­nungen ?

Wir müssen die Schriften der unsterblichen Genies des Alterthums und unsrer Zeiten auf eine ganz andre Art benützen, meine Brüder/ wenn sie uns die Vortheile einer wahrhaftig edlen und grosen Denkungsart, die aus unfern Bemühungen sichtbar werden muß, gewähren sollen. Wir müssen sie nicht blos lesen, wir müssen sie studieren und uns ganz nach ih­nen zu bilden suchen. Wir müssen nicht blos bey der Schönheit ihrer Schreibart stehen bleiben, wir müssen auch die Schönheit ihrer Gedanken

Bb, unter-