Ausgabe 
17.9.1765
 
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»9 t GLesische wöchentlich- gemeittttStzige Anzeigen

es war, so wahr ich lebe, der Herr - Kein Ey sieht dem andern so ähn­lich, als dieser Charakter dem Herrn. - Ich bitte um Vergebung, mein Herr, fiel ich diesem Deuter ins Wort, wenn ich andrer Meinung bin: denn soviel ich den Herrn - kenne: so erinnere ich mich doch nie, daß er dergleichen Thorheiten sollte begangen haben. Ich sagte ihm einen Zug «ach dem andern und der Deuter mußte mir ganz beschämt gestehen, daß nicht ein einziger persönlich war.

Diese ärgerliche Deutung führte mich auf die-Untersuchung: wie ein Mensch gesinnt seyn müsse, der sich zur Deuterischen Familie schlüge. Ich fand, daß er nicht allein ungerecht/ verläumderisch und ein Schadenfroh, sondern auch.sehr stark von sich selbst eingenommen und noch gar weit von seiner eignen Besserung entfernt seyn müsse. Em Deuter istmmereche und verläumderisch, nicht so wohl gegen den, der den Charakter eines andern entwirft sondern-auch gegen den, welchem der Charakter ähnlich seyn soll. - Wir können uns nicht erinnern, daß wir in unfern Charak­teren der Persönlichkeit irgend eines Menschen zu nahe getretten wären. Wenigstens ist dieses nie unsre Absicht gewesen. Wir haben nur überhaupt die Thorheiten und Laster der Menschen schildern und lächer­lich machen wollen, ohne dabey auf die Persönlichkeit eines Menschen ins besondere zu sehen. Es ist also sehr ungerecht und verläumderisch, wenn uns ein Deuter andre Absichten andichten will. Unser Trost bey allen Deutungen sollen immer die Worte bleiben, die Hieronymus an den Nepotian fcl)rieb: Neminem fermo notier fpecialis pulfavia: Generalis de viriis difputatio fuir. Sed, qui mihi irafci vohierit, ipfe de fe, quod talis fit, confitetur. Ein Deuter ist auch ungerecht und verläum­derisch gegen denjenigen, welchem der Charakter ähnlich seyn soll, denn er legt demselben durch seine Deutung Fehler zur Last, die er gar nicht an sich hat. Wir möchten nur einen einzigen Charakter unter den unsrigen sehen, der bey einer gewissen Person ganz statt fände, oder keine solche Züge ent­hielte, die man nicht zugleich bey andern anträffe. Die Herrn Deuter sind manchmal so unwissend , daß sie Satyren und Pasquillen nicht von einan­der unterscheiden können. Hine lacrymae

Daß ein Deuter ein Schadenfroh seyn müsse, ist leicht zu beweisen. Den» er begnügt sieh nicht blos mit der Entdeckung des vermeinten Origi­nals .eines Charakters, syndem er bemüht sich auch auf das sorgfältigste He Elltdecküfig der Welt bekannt zu machen, und sie allen Gesellschaften, in