Ausgabe 
4.6.1765
 
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und unsre Unvollkommenheit, (dann unsre wenige Vollkommenheiten eD- decken wir leicht selbstkennen zu lernen?

Eben der Mangel der Selbsterkenntnis, die allzuhohe Meinung von unfern Vorzügen und die Unwissenheit unsrer Mängel gebiert den Stolz, und dieser unzählige Nebel für das ganze menschliche Geschlecht. Sehen wir unsre Gebrechen jedesmal so gut ein als unsre Verdienste» so wäre es unmöglich, uns zu einem ausschweifenden Hochmuth verleiten zu lassen. Der Rest der Vorzüge, welcher nach Abzug der Mängel übrig bleiben würde, würde zu gering seyn, uns aufzublasen und über andre neben uns zu erheben. Aber fast nie entdecken wir uns selbst, selten unsre Freun­de , immer aber unsre Feinde, unsre Unvollkommenheiten. Diese sind eS -also, die uns demüthig und bescheiden machen können, und aus ihrem Gift können wir gegen unsre gefährlichste Leidenschaft die heilsamste Arzney be­reiten. Ein Feind muß uns in diesem Betracht weit schätzbarer seyn, als ein Schmeichler. Der Feind macht uns mit unsrer wahren Gestalt be­kannt, der Schmeichler aber macht uns die Erkenntnis unsrer selbst un­glaublich schwer. Wie richtig urtheilte also ein weiser Demarat von Corinth. Er wurde von einem gewissen Orsmes geschmäht. Man sagte ihm: Oront hat dich beleidigt. Nein, antwortete er, -Oront hat mich nicht beleidigt; Schmeichler beleidigen uns, nicht die Lästerer.

Haben wir keine Feinde, beurtheilet jederman unsre Handlungen mit Nachsicht und Gütigkeit: so werden wir leicht in der Erfüllung unsrer Pflichten nachlässig. Wir bemühen uns nicht mehr mit dem völligsten Eifer, Verdienste zu erwerben, oder die erworbene zu erhalten. Aber wenn wir angefeindet und gehaßt werden, wenn die Verläumdung den Glanz unsrer besten und löblichsten Handlungen zu verdunkeln sucht, uns niedrige Absichten andichtet, und Fehler schuld giebt, von denen wir be- freyt sind; wenn sie unsre Verdienste herunter setzen, unfern guten Namen zernichten, oder gar Glück und Zufriedenheit rauben will; alsdann sind wir genöthigt, die Pfiichten, welche alle unsre Verhältnisse von uns for­dern, mit der völligsten Genauigkeit zu erfüllen. Wir müssen in unserm Berufe treu, in unfern Geschäften unverdrossen seyn, wir müssen die Ein­sichten und Kenntnisse, die mit Recht von uns gefordert werden, erwei­tern, und uns in unferm ganzen Betragen untadelhaft zu seyn bestreben, wofern wir nicht unsre Ehre und Wohlfart der Wuth unsrer Hasser preis geben wollen.

v 3 * Jnson-