>78 Giesisthe wöchentlich- gemeinnStzige Anzeigen
Verdienste und unsre übrige gute Eigenschaften werden nicht selten ein Gegenstand des Neides und folglich des Haffes gegen uns. Urtheilet man mit einem geringen Grad von Einsicht, und mit einem Blick, der nicht durch die Oberflächen der Dinge dringt: so wird uns dieses Schicksal der Tugend eme Ursache mannigfaltiger Zweifel und Beschwerden; und wenn wir jelbst Feinde haben, so sind wir entweder ausschweifend rachgierig, oder doch auf eine übertriebene Weise verdrüßlich und misvergnügt. Möchten wir doch immer bedenken, wie nützlich und zu unsrer wahren Glückseligkeit oft unentbehrlich, uns Feinde sind! Dieser Gedanke würde uns bey Beleidigungen nicht nur ruhiger, sondern auch grosmütbiger machen. Es ist wahr, nie wird Haß und Verfolgung für mich eine Vollkommenheit, ein Vorzug seyn, den meine Wünsche verlangen sollten; aber ich werde doch darüber nicht unvernünftig klagen; ich werde meine Feinde zu meinem Vortheile nützen und das Beyspiel des höchsten Wesens, das aus dem Uebel Gutes zu bereiten weiß, nachzuahmen suchen.
Die Moralisten sind längst darin einig gewesen, daß die Selbsterkenntnis das erste Mittel zur Glückseeligkeit sey. Wir können ohne sie auf dem Wege zur Tugend so wenig einen Schritt thun, als der Arzt die Krankheit, die er Nicht kennt, heilen wird. Gleichwohl wird fast keine Wissenschaft öftrer versäumt und nachlässiger getrieben, als diese. Unsre Vorurtheike und Leidenschaften, die Vetrügereyen der Eigenliebe und oft auch die Lobeserhebungen eigennütziger Schmeichler sind lauter Hindernisse der so nöthigen Selbstprüfung. Wir berechnen meistens nur unsre guten Eigenschaften, und die Eigenliebe verbirgt uns unsre häufigere Gebrechen; wir beurtheilen unsre Tugenden nach dem Schein und nach dem rauschenden Ruhme, den sie uns bey der Wilt erwerben, und bedenken nicht, wie oft sie eine Frucht des Ehrgeizes, der Menschenfurcht, des Eigennutzes, des Stolzes, oder wenn sie noch am besten sind , eine Frucht des Temperaments waren. Nichts aber kann uns die Kenntnis unsrer selbst mehr erleichtern, als Feinde. Diese werden unfern geheimsten Neigungen nachforschen, die unedle Triebfedern unsrer Handlungen entblösen, unsre verstecktesten Unvollkommenheiten auskundschaften und der Welt entdecken, unsre falschen Tugenden aber ihres erborgten Schimmers berauben. Ihr Haß wird ihnen oft Mängel zeigen, wo keine vorhanden sind; aber auch werden sie unsre wirklichen Laster an den Tag bringen, weil sie uns ohne die Partheylichkeit untersuchen, die uns gegen uns selbst blind macht. Kann uns also ihr Verfahren nicht das geschickteste Mittel werden, uns
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