Ausgabe 
29.11.1774
 
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Z8L Wochenblatt.

halten zu suchen. Die wenigste Menschen kennen das Guth , wornach sie sich sehnen und eben deswegen versehen sie sich auch in der Wahl der Mittel, durch welche sie suchen zum Besitz derselben zu gelangen.

Lassen wir die Frage: Was ist die Freiheit? an den grösten Haufen der Menschen ergehen , so werden uns die meiste die Antwort ertheibn, dann hielte ich mich für frei, wenn es mir vergönnet wäre meine sinnliche Neigungen zu vergnügen, und die Hindernisse wegzuräumen, die meinen Wünschen entgegen stehen. Traurige Verblendung'! mit welchen die nachteiligste Folgen für unser Geschlecht verbunden sind. Was wäre bei so ausschweifenden Neigungen die Befriedigung des Wunsches nach Freiheit? Nichts anders, als die Beschleunigung unsers endlichen Ver­derbens. Anstatt eines wirklichen Guthes theilhaftig zu werden , würden wir uns in die tiefste Sklaverei stürzen. Und wie ist es möglich, daß un­ersättliche, wider einander laufende Begierden können befriediget werden? Nocheine Welt, wie die unsrige., wäre hierzu mit allen ihren Schätzen und Reichtümern nicht hinreichend. Und wäre sie hinreichend, |o würde doch der Streit unserer Begierden die Befriedigung derselben unmöglich machen. Und wäre diese Befriedigung möglich; so wurde die Hälfte eines Menschenalters schon hinreichend feyn, diese Welt, die ihr Daseyn erhielte ein Spiegel der Allmacht , Weisheit und Güte ihres Urhebers zu ftvn, in eine unbewohnte Wüstenei zu verwandeln. Bei einem so irrigen Be- grifvon Freiheit, dürfen wir uns nicht wundern, daß die Menschen zu Be­friedigung ihres Wunsches Mittel ergreifen , die sie von dem vorgesezten Ziel desto weiter entfernen, je emsiger sie nach demselben trachten.

Der Jüngling entziehet sich durch listige Räncke der wachsamen Auf­sicht des sorgfältigen Vaters und Lehrers, die sich ernstlich bemühen ihn auf die Wege der Pflicht und des Glückes zu leiten. Sich selbst überlas­sen schmeichelt er sich mit einer eingebildeten Freiheit, überläßt sich den blin­den Trieben seines noch ungebildeten Herzens und wird ein unglücklicher Sklav des Lasters, der an dem Rande des Verderbens sein selbst ge­wähltes Unglück erblicket.

Der Ehrsüchtige erschleicht sich die Gunst der Götter dieser Erden durch Schmeicheleien, durch den angenommenen Schein seltener Verdien­ste , durch verstellte Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Menschenliebe. Er wrrd