Ausgabe 
29.11.1774
 
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-rjo ZVochenblat-,

nach Freiheit mit der sitlichen Beschaffenheit des menschlichen Herzens nicht streite-

Und wer wollte behaupten, daß sie der bürgerlichen Verfassung/ oder denen verschiedenen Arten der grösern Gesellschaften, in welche sich die Men, schen unter einander vereiniget haben , widerspreche ? In der entferntesten Einsamkeit, getrennt von aller menschlichen Gesellschaft, da ich keinen Obern über mir habe, und da meine freien Entschliesungen das alleinige Gesetz meines Verhaltens sind, kann ich eben so wohl ein niederträchtiger Sklav meiner sinnlichen Neigungen seyn, als der Unterthan eines Mo­narchen , und als das Glied einer bürgerlichen Gesellschaft in welcher keine andere Gesetze gültig sind, als diejenige, die ich selbst billige / und da keine andere Häupter regieren, als solche zu deren Wahl ich selbst meine Ein­willigung gab. Ich muffe das menschliche Herz nicht kennen , und nie# malen einen Blick in die gross Welt, und auf die Begebenheiten die sich in derselben ereignen, gethan haben, wenn ich an der Wahrheit dieser Sache zweifeln wollte.

Eben so gewiß ist es aber auch, daß ich in allen möglichen Verbin­dungen, in denen ich, als ein Bürger der Welt stehe, die Kräfte und Fähigkeiten meines Geistes, nach denen Umständen in die mich die Vorse­hung gesezt hat, stufenweis erhöhen, und das , was einen Einflus in die Ruhe und Zufriedenheit meines Herzens hak, wählen, und was mich elend und unglücklich macht, fliehen kann. Und eben dieses nenne ich Freiherr.

Stehe ich auf einer hohen Stuft der Ehre und des Ansehens, bin ich mit Schätzen und Reichthümern gesegnet, kann ich die meiste Wünsche mei­nes Herzens befriedigen, so lehrt mich die Erfahrung der verflossenen und gegenwärtigen Zeit, daß mich ein unbedachtsamer und unmäsiger Gebrauch aller dieser Vorzüge berauben kann, ehe ich es vermuthe. Und gesezt, ich hätte auch dieses nicht einmal zu befurchten, ich überliefe mich ungescheut denen Ausschweifungen des Lasters , folgte denen blinden Trieben meines Herzens, dächte nicht an die Erfüllung der wichtigen Pflichten, die mir in meinem Stand obliegen, betäubte meinen Geist täglich durch neu erjonne- ne Ergötzlichkeiten ; wird mich nicht endlich die Vorst' llung , daß das Ende meiner Tage immer mehr herannahet, aufmerksam machen? wird der innere Richter in mir allezeit schweigen ? Werden mich nicht die bittere

Vor-